Kerstin vor Takth-e-Solyman © C. Schaible  www.2malweg.eu  2014 Meine Reise / Reise & Kultur

Mit dem Motorrad unterwegs zu sein, das klingt wild, abenteuerlich, frei. Ist es noch so? Sind Frauen auf dem Motorrad weiterhin Exotinnen? Wir wollen gerne mehr über die Extreme einer solchen Reise erfahren und befragen die Bloggerin Kerstin von 2MalWeg, die uns über ihre Erfahrungen aus den Reisen durch Länder wie Iran, Armenien, Türkei oder Georgien berichtet, z.B. von lebendigen Geschenken, hilfsbereiten Iranern, nervigen Schotterwegen und traumhaften Landschaften… Viel Spaß beim Lesen!


Motorradfahren sei für Frauen zu gefährlich, hat Dir ein Iraner mal gesagt – wie war es denn als Frau auf dem Motorrad unterwegs zu sein: Spielt das Geschlecht überhaupt eine Rolle oder ist das stark länderabhängig?

KERSTIN: Es ist sicherlich so, dass es sehr viel weniger Frauen als Männer gibt, die Motorrad fahren. Das ist mir schon in der Fahrschule aufgefallen, wo deutlich mehr Jungs als Mädels zu sehen waren, wobei sehr auffällig war, dass bei den Damen das mittlere Alter überwog. Scheinbar entscheiden sich Frauen später für’s Motorrad als Männer. Generell könnte ich mir vorstellen, dass Frauen vorsichtiger fahren als Männer.

Unterwegs bemerke ich immer wieder überraschte Gesichter und auch anerkennendes Nicken von Männern wie auch Frauen, sobald sie merken, dass ich als Frau mit der recht schweren F800GS unterwegs bin; aber hallo, immerhin habe ich auf dem Motorrad meinen Führerschein gemacht! Und im Iran, ja da war die Überraschung bei den Männern noch größer: Ich kann nicht einschätzen, ob sie es für gut befanden, dass ich als Frau mit 2 Männern auf dem Motorrad durch ihr Land reise. Leider mussten sie sich immer schnell von mir abwenden, da sie natürlich nicht mit mir reden durften. Die Frauen im Iran fanden es um so toller, da sie dann endlich auch mal mit einer Reisenden plauschen konnten, wo sie doch bei den sonst üblichen männlichen Motorradfahrern das Nachsehen haben.

Kerstin und Ihre F800GS -c-C. Schaible  www.2malweg.eu  2014

Kerstin und Ihre F800GS -c-C. Schaible www.2malweg.eu 2014

In welchen Ländern ist es deiner Einschätzung nach sicher genug, als Frau alleine zu reisen und eine Motorradtour zu machen? Welche Gegenden würdest du eher nicht alleine befahren?

KERSTIN: Hier kann ich nur zu den Ländern kommentieren, in denen wir selbst mit dem Motorrad unterwegs waren und da komme ich zum Schluss: Es ist in allen Ländern sicher, auch als Frau alleine zu fahren. Lediglich im Iran sehe ich eine leicht erhöhte Herausforderung in der Bewältigung des Alltags, insbesondere im ländlichen Bereich, weil fremde Frauen und Männer offiziell nicht miteinander interagieren dürfen, d.h. sie dürfen sich laut Verhaltenskodex nicht gegenseitig ansprechen. Da es allerdings Berichte von Frauen gibt, die alleine durch den Iran gereist sind, und weil die Leute im ganzen Land durchaus extrem offen sind, glaube ich durchaus, dass das gut funktionieren wird. Wahrscheinlich trifft man dann einfach auf mehr Frauen. Wie gesagt: Sicherheitsbedenken hätte ich in keinem der Länder.

Welches Erlebnis auf deiner Reise, hat dich emotional besonders berührt und geprägt?

Eindeutig: Die vielen kleinen Geschenke, die wir im Iran von den Leuten erhalten haben, fand ich schon sehr überwältigend. Egal mit wem wir „geratscht“ haben, einen Tee gab es selbstverständlich immer, aber auch ein kleines Geschenk wurde uns angeboten, meist in Form von Obst oder Gemüse, aber auch mal ein kleines Täschchen oder einen (lebendigen) Fisch, wobei wir letzteren aus praktischen Gründen höflichst ablehnen mussten. Da war es für uns manchmal fast beschämend, wenn wir nichts Vergleichbares als Gegengeschenk anbieten konnten.

Was war die gefährlichste Situation? Wie habt ihr diese Situation lösen können?

KERSTIN: Ich glaube nicht, dass wir uns unterwegs jemals in einer wirklich gefährlichen Situation befunden haben. Einzig und alleine beim Wild-Campen im Tusheti Gebiet Georgiens hatten wir einmal morgens um 6 Uhr eine unangenehme Begegnung mit einer Horde Betrunkener, die unterwegs waren und unbedingt mit uns Bier trinken wollten. Da war ich dann ganz froh, mit 2 Männern unterwegs zu sein, die mit den Jungs geredet haben, während ich brav im Zelt bleiben konnte und abwartete, bis sich die Situation wieder entspannte und die Jungs weitergefahren waren.

Was war die spannendste bzw. am meisten lehrreiche Begegnung? Magst du das unseren Leserinnen näher beschreiben?

KERSTIN: Aufregend war auf jeden Fall, als unser Freund Ralf in Isfahan mit einem kapitalen Motorschaden liegen blieb (wir hatten übrigens außer einem platten Reifen keinerlei Probleme). Zuerst sah es so aus, als ob für ihn damit die Reise zu Ende wäre. Aber auch hier haben uns die hilfsbereiten und cleveren Iraner eines anderen belehrt: Innerhalb von Minuten waren dutzende hilfsbereite Iraner bei uns. Ein Lehrer übernahm das Dolmetschen, ein anderer kannte die passende Werkstatt, der dritte organisierte einen Pickup-Truck. Ersatzteile wurde auf dem Schwarzmarkt besorgt oder einfach selbst hergestellt und zwei Tage später lief Ralfs Motorrad wieder und wir konnten unsere Reise gemeinsam fortsetzen.

Rad Kaputt in Isfahan © C. Schaible  www.2malweg.eu  2014

Rad Kaputt in Isfahan © C. Schaible www.2malweg.eu 2014

Gemeinsam mit deinem Partner hast du nicht nur den Iran auf dem Motorrad durchquert, sondern weitere Länder des Mittleren Ostens wie Armenien, Georgien, Türkei bereist. Welche Tour bot den größten Kulturschock?

KERSTIN: Ich denke das, was einem Kulturschock am nächsten kommt, ist die Erkenntnis des krassen kulturellen Unterschiedes zwischen West- und Osttürkei, zumal die Fahrt von West nach Ost für uns auch der Einstieg in die Reise und somit auch das langsame Heranfahren ans Kopftuch aber auch ein Wegfahren von einer Bierkultur war. Im eher ländlichen Ostanatolien prägte das Kopftuch der Frauen stark das Gesamtbild, während die Verfügbarkeit und Sichtbarkeit von alkoholischen Getränken drastisch abnahm. Fast schon schockierend wirkte danach das unerwartete Bild der durchgestylten, modernen und nur nachlässig mit einem Haartuch geschmückten Frauen in Urmia, unserer Einstiegsstadt im Iran.

Welche Tour würdest du gerne noch einmal durchführen? Was würdest du diesmal anders machen?

Na ja, dies war meine erste Motorradtour überhaupt und sicherlich wiederholenswert. Fürs erste reichen mir in nächster Zeit einige schöne Touren in unserer schönen Nachbarschaft. Südtirol, die Seealpen oder Slowenien gehören hier zu den Favoriten. Was wir in Zukunft sicherlich anders machen als bisher: Wir werden öfter zelten und auf das Hotel & die Pension verzichten. Das gibt mehr Freiheit.

Was hat dich, wenn du auf alle Touren zurück blickst, am meisten genervt?

KERSTIN: Der Schotter. Natürlich war schon am Anfang klar, dass wir nicht nur auf schönen Asphaltstraßen unterwegs sein werden. Und den einen oder anderen Schotterpass in der Türkei und im Iran haben wir auch ganz bewusst in Angriff genommen, um den vollen und langweiligen Autobahnen auszuweichen und mehr von der traumhaften Landschaft zu sehen. Aber als dann in Georgien irgendwann jede noch so große Hauptstrasse in einem schrecklichen Schotterpfad endete, war ich schon angenervt – schöne Landschaft hin, schöne Landschaft her.

Habt ihr eine absolute Traumroute, bei der ihr aber noch zögert, diese zu bestreiten?

KERSTIN: Nach unserer Motorradtour waren wir ja als Backpacker in Südamerika unterwegs. Dort gibt es natürlich in den Anden etliche traumhafte Pässe, von denen europäische Motorradfahrer nur träumen können. Auch die Panamerika oder die Routa 40 haben dort ihren ganz speziellen Reiz. Allerdings braucht eine solche Tour mehr Vorbereitung: Motorräder wollen verschifft, Zollformalitäten erledigt werden etc. Das passt im Moment nicht zu unserer sonst eher planlosen und spontanen Reiserei. Aber wer weiß….

Picknick mit kurdischer Familie © C. Schaible  www.2malweg.eu  2014

Picknick mit kurdischer Familie © C. Schaible www.2malweg.eu 2014

Was ist das nächste Ziel?

KERSTIN: Eine Freundin von mir war vor kurzem in Island. Auch das ist ein Land, das man mit dem Motorrad bereisen kann, das aber auch tolle Möglichkeiten zum Wandern und eine faszinierende Natur bereithält. Wer weiß, der Sommer kommt ja noch.

Schick in Isfahan © C. Schaible www.2malweg.eu 2014

Schick in Isfahan © C. Schaible www.2malweg.eu 2014

 

Vielen Dank an die 2MalWeg-Bloggerin Kerstin für das Interview!

Mehr über 2MalWeg

Ausführliche Berichte über die Motorradreisen von Kerstin und Constantin gibt es hier: www.2malweg.eu/p/motorrad.html

Außderdem haben die beiden einige Trekkingtouren gemacht, u.a. in Thailand, Kambodscha und Peru – viel Spaß beim Lesen!

- Artikel vom MjkuMDYuMjAxNQ==
Kerstin von 2MalWeg

Zusammen mit ihrem Partner Constantin berichtet Kerstin auf ihrem Blog 2MalWeg von ihren gemeinsamen Motorradreisen und Trekkingtouren, darunter waren Länder wie Georgien, Armenien und Iran, Malaysia oder Laos. Die beiden berichten sehr detailliert und schaffen es, dass ihre Berichte individuell und informativ sind.

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