Mehr weibliche Programmierer braucht das Land @ geralt/pixabay.com Bildung / Mein Beruf

Was wäre unser Leben heutzutage ohne Smartphone, Computer und Internet? Ganz einfach: schwer vorzustellen! Immerhin besitzen mehr als 90 % aller 16- bis 64-jährigen in Deutschland ein Smartphone, fast ebenso viele einen Laptop oder PC sowie etwas mehr als die Hälfte ein Tablet. Kein Wunder also, dass die IT-Branche seit Jahren boomt und Konzerne wie Apple, Microsoft, Google und Facebook in der Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt ganz oben mitmischen. Doch blickt man auf die Geschlechterverteilung innerhalb der IT-Branche, zeigt sich leider, dass die meisten Stühle männlich besetzt sind: weniger als ein Drittel der Erwerbstätigen im IT-Sektor sowie ein Fünftel der Informatik-Absolventen sind hierzulande weiblich – mit rückläufigem Trend. Damit liegt Deutschland im OECD-Vergleich nur im unteren Mittelfeld. Wir finden, das muss sich dringend ändern – denn auch wir Frauen haben das Zeug zum Programmieren und sollten in der Gestaltung der digitalen Welt mehr mitbestimmen.

Es gab und gibt sie, die weiblichen Vorbilder in der IT

Als die Pionierin der Programmiererinnen gilt heute Ada Lovelace, eine britische Mathematikerin, die im London des frühen 19. Jahrhunderts lebte. Schon lange bevor das Computerzeitalter anbrach und zu einer Zeit, in der Frauen in der Wissenschaft noch die Ausnahme waren, war Lovelace sich der Bedeutung und des Potentials der Rechenmaschinen bewusst und entwickelte im Jahr 1843 einen Algorithmus zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen, der als ein frühzeitiges Computerprogramm bezeichnet werden kann. Viele ihrer visionären Werke gerieten in Vergessenheit, doch als diese in den 1990ern wiederentdeckt wurden, entbrannte ein regelrechter Hype um Lovelace, der sie zu einer Ikone für technikaffine Frauen aus aller Welt kürte.

In den 1940er und 50er Jahren verschaffte sich Grace Hopper, oder „Amazing Grace“, wie ihre Angestellten sie liebevoll nannten, den Ruf einer Grand Dame in der noch jungen Informatikwelt. Während ihrer Zeit als Forscherin an der Harvard University und bei der US Navy war sie an wegweisenden Projekten wie der Entwicklung erster vollelektronischer Computer beteiligt. Zudem entwarf sie den weltweit ersten Compiler und prägte mit ihrer Idee und Entwicklung von leichtverständlichen Programmiersprachen, die anstatt auf Nullen und Einsen auf englischsprachigen Befehlen beruhen, die Programmierwelt so nachhaltig, wie kaum ein männlicher Kollege zu ihrer Zeit. In einem Interview der Cosmopolitan räumte sie ein, Frauen seien Naturtalente im Programmieren, denn

Programmieren ist wie Abendessen vorbereiten. Man muss vorausplanen und alles so terminieren, dass es fertig ist, wenn man es braucht. Das geht nur mit Geduld und dem Blick für Details.

Obwohl das Programmieren vor allem in den westlichen Ländern lange als ein typischer Frauenjob galt, verzeichnen diese seit Jahren einen stetig schrumpfenden Frauenanteil. Aber keine Sorge – es gibt auch heute noch Beispiele für starke Frauen in der IT-Branche, wie zum Beispiel Marissa Mayer und Jade Raymond. Mayer wurde 1999 die erste Technikerin bei Google und bestimmte unter anderem das Design der Suchseite. Später setzte sie ihren Weg als Vize-Präsidentin des Konzerns fort und wirkt heute als Vorstandsvorsitzende von Yahoo. Raymond hingegen verfolgte selbstbewusst ihren Traum, Spieledesignerin zu werden – und verwirklichte ihn zweifellos. Als Produzentin von Kassenschlagern wie „Assassin’s Creed“, Tom Clancy’s „Splinter Cell“ und „Die Sims Online“ begeisterte sie hunderte Millionen Gamer weltweit. Heute leitet die preisgekrönte Spieleentwicklerin die Gaming-Abteilung von Google.

Wir müssen mit alten Klischees und Rollenbildern brechen

Malen Sie sich in Gedanken doch mal eben ein Bild einer typischen IT-Fachkraft. Was sehen Sie? Einen Mann mit Nerd-Look, der mit Kapuzenpulli, Brille und Bildschirmbräune in einem abgedunkelten Raum vor dem Rechner hockt? Wenn ja, dann liegt das vermutlich an den Klischees und Rollenbildern, die uns durch Medien, Erziehung und Ausbildung vermittelt werden: Jungs interessieren sich für Technik aller Art und sind dementsprechend gut in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik); Mädchen hingegen interessieren sich für Kunst, Kultur, Sprachen und Soziales, sind aber Flauten was Technik anbelangt – Halt, stopp!

Dieses Klischee ist insofern problematisch, da es das Vorurteil der technisch unbegabten Frau schürt und unsere Töchter dadurch entmutigt, sich mit Technik zu befassen, da ihnen das scheinbar dafür benötigte, natürliche Talent abgesprochen wird. Diesem Klischee können wir jedoch entgegenwirken, indem wir uns etwa bei der Auswahl von Spielsachen und Schulkursen nicht von gängigen Stereotypen beeinflussen lassen, unsere Kinder gelegentlich Neues ausprobieren lassen und ihre möglicherweise neuentdeckten Hobbys und Talente fördern.

Früh übt sich, wer programmieren will

Ob durch Sprachassistenten wie Alexa und Google Home, das Streamen von Kinder-TV-Sendungen, den Zeitvertreib mit Videospielen, durch das erste eigene Smartphone oder mittels digitaler Lehrangebote in der Schule – aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung unseres Alltags kommen Kinder immer früher mit digitalen Diensten in Berührung. So sind viele Kinder bereits im Grundschulalter geschickter im Umgang mit so mancher Anwendung als ihre Eltern. Was sich hinter der Benutzeroberfläche versteckt, wissen die meisten aber dennoch nicht.

Anders als in Deutschland hat man in beispielsweise in Estland schon früh erkannt, dass Programmieren eine Fähigkeit ist, die Kindern neben einer zeitgemäßen Medienkompetenz und einem sicheren Umgang mit digitaler Technik auch zukunftssichere Jobchancen bietet. So steht dort Programmieren für Mädchen und Jungs schon in Grundschulen und Kindergärten am Unterrichtsplan. Mithilfe von kreativen, spielerischen Aufgaben und dem Einsatz von Robotern, denen die kindliche Neugier schlichtweg nicht widerstehen kann, werden die Kinder dort früh an das Programmieren herangeführt. Das Ergebnis: auch immer mehr Mädchen begeistern sich für die vermeintliche Männerdomäne.

Auch zuhause kann man Kinder für das Programmieren begeistern

Auch Eltern, die keine Vorkenntnisse im Programmieren haben, können ihre Kinder beim ersten Tauchgang in die Welt der Bits und Bytes unterstützen – und vielleicht ja auch selbst noch ein, zwei Dinge dazulernen. Möglich machen dies spielerische Bildungsangebote, die die Komplexität des Programmierens, der dahinterstehenden Logik und Sprache, auf ein kindgerechtes Maß herunterbrechen. Ein Beispiel dafür ist etwa „Foldio“ – ein Starterpaket für den IT-Nachwuchs ab sieben Jahren, das in Zusammenarbeit von Programmierern und Lehrern entwickelt wurde.

Foldio Starterset mit Calliope Mini @ Foldio
Foldio Starterset mit Calliope Mini @ Foldio

Die Herzstücke von Foldio sind der Einplatinencomputer Calliope mini, ein faltbares Papiergehäuse mit Sensoren und Leiterbahnen, das dem Computer in einen programmierbaren Tierfreund verwandelt sowie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung in Form einer ansprechenden Kindergeschichte, die dabei hilft, das Foldio zum Leben zu erwecken. So kann man dem Foldio beibringen, mit Tönen und leuchtenden LEDs auf diverse Signale zu antworten, wie beispielsweise auf Berührungen an den Ohren sowie auf Schütteln und Klatschen.

Für den Programmiervorgang sind keinerlei Vorkenntnisse notwendig – weder für Kinder noch für Erwachsene. Man besucht einfach die Programmieroberfläche der Website www.foldio.tech. Dort sind alle Schritte, die zum gewünschten Ziel führen, gelistet und werden zusätzlich in einem beliebig oft abspielbaren Video vorgeführt. Die benötigten Befehle liegen alle in einem übersichtlichen Menü bereit und müssen nur mehr per Drag & Drop, wie bei einem Puzzle, an der richtigen Stelle eingefügt werden.

Programmieroberfläche @ Foldio
Programmieroberfläche @ Foldio

Erleichtert wird das Basteln des Codes durch die unterschiedlichen Formen und Farben der Befehlsfelder, dank denen Kinder schnell verstehen, welche Code-Fragmente sich miteinander verbinden lassen. Ist der Code fertig, kann er einfach als Datei heruntergeladen und per USB-Kabel beziehungsweise Bluetooth auf den Calliope übertragen werden. Die einzelnen Übungen sind spielerisch und kurzgehalten, sodass schnell erste Erfolgserlebnisse einsetzen und die Geduld der Kleinen nicht überstrapaziert wird. Zudem kann man schon während des Programmierens auf einem virtuellen Calliope, der neben der Programmieroberfläche angezeigt wird, überprüfen, ob der Code bereits funktionstüchtig ist und welche Reaktion das Foldio zeigen wird.

Fazit

Mit den spielerischen Lehrangeboten von heute ist es einfacher als je zuvor, Kinder schon in frühen Jahren für das Programmieren zu begeistern – und helfen nebenbei auch dabei, eine angemessene Medienkompetenz in unserem zunehmend digitalisierten Lebensumfeld zu erlangen. Darüber hinaus wird weiblicher Nachwuchs in der Programmierwelt dringend benötigt, schließlich soll die stetig wachsende digitale Welt doch auch eine weibliche Handschrift tragen. Also los, Frauen und Töchter – die digitale Spielwiese wartet auf euch!

Interview mit Amir Baradaran und Michael Kellermann, den Gründern von Foldio

Wie seid ihr zu der Idee gekommen, Foldio zu kreieren?

„Die Idee für Foldio kam uns auf einem Startup-Event der Universität des Saarlandes. Dort wurde auch die Foldio Technologie entwickelt. Nach einigen Überlegungen, wie man diese innovative Erfindung produktiv nutzen kann, fanden wir heraus, dass es eine einfache Möglichkeit ist, Kinder an das Programmieren heranzuführen. Unsere Vision ist es, Kinder, unabhängig von Herkunft und Geschlecht auf einen souveränen Umgang mit der digitalen Welt vorzubereiten.“

Kann jedes Kind Programmieren lernen?

„Programmiersprachen sind wie Fremdsprachen. Manchen fällt das Lernen leichter, andere brauchen etwas mehr Unterstützung. Unser Foldio Starterset wurde so konzipiert, dass jedes Kind ab einem Alter von sieben Jahren selbstständig die verschiedenen Missionen durchspielen kann und somit auch das Programmieren lernt. Da unsere Foldios aus Papier bestehen, hilft uns das, relativ günstig zu produzieren. Dies ist uns nicht aus unternehmerischer Sicht wichtig, sondern vor allem deshalb, um auch jene Kinder zu erreichen, die aufgrund des sozialen Umfelds leichter den Anschluss verlieren.“

Warum ist es so wichtig, Kindern Programmieren beizubringen?

„In der heutigen Zeit der Digitalisierung ist es einfach essentiell, dass Kinder frühzeitig ein kritisches Verständnis für den Umgang mit den modernen Medien entwickeln. Wir sind umgeben von digitalen Systemen. Gleichzeitig öffnen wir uns ihnen, indem wir täglich zahlreiche private Informationen über soziale Medien teilen. Onlinebanking oder den zukünftigen Traumpartner im Netz finden sind ja schon großer Bestandteil unseres Lebens. Durch die Corona-Pandemie wird sich diese Entwicklung noch weiter verstärken und auch jene Bereiche digitalisieren, die sich bislang noch davor drücken konnten. Digitale Krankenakten, Arztbesuche und vieles mehr mag jetzt vielleicht noch unwirklich klingen, wird aber bald unser Leben bestimmen. Wenn man da die komplexen Mechanismen im Hintergrund versteht, kann man auch potentielle Gefahren erkennen. Eine essentielle Fähigkeit für einen digital souveränen und aufgeklärten Menschen.“

Wie begeistert man Kinder am besten für das Programmieren?

„Zunächst sollte die Einstiegshürde so gering wie möglich gehalten werden. Unsere Foldios schlagen die Brücke zwischen Papier, einem bereits durch das Basteln bekannten Material, und der Technik. Das baut Hemmungen ab und der Rest kommt quasi von alleine. Lernen muss Spaß machen und den inneren Entdeckergeist wecken. Nur so kann sich das Gelernte auch nachhaltig verankern.“

Wie wird Foldio von den Kindern angenommen?

„Unser Feedback ist durchwegs positiv. Viele Kinder, egal ob Mädchen oder Jungs, beschäftigen sich mit Foldio ganz selbstständig und erledigen die Missionen mit Begeisterung. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung sorgt dafür, dass Kinder von einer Mission zur Nächsten geleitet und so langsam an das Programmieren herangeführt werden. Dabei kommt es auch schnell zu ersten Erfolgserlebnissen. Haben sie beispielsweise erstmal Finns Augen zum Leuchten gebracht, möchten sie natürlich auch andere Missionen ausprobieren.“

Welche Rückmeldungen bekommt ihr von Eltern und Schulen?

„Viele Eltern befürchten, dass ihr Kind den Anschluss verlieren könnte. Foldio wird deshalb als sinnvolles Spielzeug neben Playstation und Co. wahrgenommen. Auch während der Zeit des Homeschoolings erhielten wir viel positives Feedback. Da Kinder möglichst eigenständig mit Foldio arbeiten sollen, konnte Foldio so den Alltagsstress etwas reduzieren. Unsere Foldio-Sets wurden gemeinsam mit Lehrern entwickelt. Das Foldio Klassenset wurde sogar speziell für den Unterricht in Schulen erstellt. Das von uns entworfene Schritt für Schritt Konzept wird bisher begeistert angenommen.“

- Artikel vom MTMuMDUuMjAyMA==

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