Aida im UN-Flüchtlingscamp (c) Deblokada, Foto von Christine A. MaierMedien & Kultur / Mein Lifestyle

Seit über drei Jahren herrscht Krieg in Bosnien und Herzegowina. Die Erinnerungen an ein friedliches Leben in der bosnischen Kleinstadt Srebrenica sind noch frisch bei Aida, ihrem Mann und ihren beiden Söhnen – als ihre Existenz und die aller Bewohner der Stadt an der bosnisch-serbischen Grenze an einem seidenen Faden hängt.

Es ist Juli im Jahr 1995 als die serbische Armee in die Kleinstadt Srebrenica einfällt. Tausende Menschen suchen Schutz im UN-Flüchtlingslager, doch das Quartier ist binnen weniger Stunden hoffnungslos überfüllt.

Vor den Toren drängen sich Tausende schutzlose Menschen. Aida steht auf dem Dach eines Lastwagens und ruft nach ihrer Familie. Gestikulierend versucht sie ihren Mann und ihre zwei Söhne, die unter den Geflüchteten vor den Toren stehen, ins Camp zu lotsen. Niederländische und kanadische UN-Blauhelmsoldaten halten sie davon ab und weisen sie darauf hin, ihre Arbeit zu machen: Sie muss in ihrer Landessprache verkünden, dass keiner mehr ins Camp kann, weil alle Kapazitäten erschöpft sind.

Diese Szene macht gleich zu Beginn des Films deutlich, in welchem Zwiespalt sich Aida befindet. Sie arbeitet als Übersetzerin und vermittelt zwischen Flüchtlingen und Soldaten; zwischen ihren Vorgesetzten und ihren Söhnen; zwischen Vertretern der Bevölkerungsgruppen Serbiens und Bosnien-Herzegowinas. Sie ist Schutzsuchende, Flüchtende, Ehefrau und Mutter zugleich. Und vor allem ist sie eines: Eine Kämpferin.

Aida übersetzt für tausende von Flüchtlingen, die Anweisungen eines niederländischen Generals.
Aida mit niederländischem General (c) Deblokada, Foto von Christine A. Maier

Ein weiblicher Blick auf das Kriegsgeschehen des Bosnienkriegs

Dass die Lage aussichtslos ist, das fühlt Aida – und auch die Zuschauenden begleitet das bedrückende Gefühl der Angst und Ungewissheit durch den gesamten Film. Trotz aller Widrigkeiten kämpft die Protagonistin bis zur letzten Sekunde für ihre Familie. Die Zuschauer sind dabei immer ganz nah dran und erfahren die Paradoxien zwischen Menschlichkeit und Rücksichtslosigkeit, man möchte fast sagen, am eigenen Leib.

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„Quo Vadis, Aida?“ nimmt das Publikum emotional mit und zeigt gleichzeitig die Mechanismen eines organisierten Kriegsverbrechens auf. Der Film veranschaulicht sowohl die Ohnmacht, die die brutale Unberechenbarkeit von Kriegsakteuren mit sich bringt, als auch die Kämpfernatur einer Frau, die mit großer Leidenschaft und viel Liebe für Gerechtigkeit kämpft.

Der Film eröffnet eine empathische Sicht auf die Ereignisse von Srebrenica durch die ungewohnte Perspektive einer liebenden Mutter und Partnerin.

Aida steht vor einem Meer an muslimischen Flüchtlingen und ruft vergeblich nach ihrer Familie.
Aida ruft vergeblich nach ihrer Familie (c) Deblokada, Foto von Christine A. Maier

Filmrezeption und Oskar-Nominierung 2020

„Quo Vadis, Aida?“ ist mehr als ein Familiendrama. Der Film dient als Zeitzeugnis; als Augenzeugenbericht einer nie zu Ende erzählten Kriegsgeschichte, denn bisher stellte niemand die Grauen von Srebrenica filmisch dar. Einige Filmkritiker vergleichen den Film und dessen Gewicht mit „Schindlers Liste“, welcher mit seiner Darstellung der Kriegsverbrechen des zweiten Weltkriegs Filmgeschichte schrieb.

Die 1974 geborene Regisseurin Jasmila Žbanić beschäftigte sich in „Quo Vadis Aida“ allerdings nicht zum ersten Mal mit dem Thema Bürgerkrieg und Menschenrechte: Die Grausamkeiten und die Ungerechtigkeiten im früheren Jugoslawien verarbeitet sie bereits in anderen Filmen, wie „For those who can tell no tales“ (Spielfilm 2013) und „Zwischen uns das Paradies“ (Spielfilm 2010).

Der Spagat zwischen einer faktenbasierten Aufarbeitung und einer packenden Familientragödie, ganz nah an den Protagonisten, ist Regisseurin Jasmila Žbanić mit „Quo Vadis, Aida?“ gelungen.

Dafür wurde der Film 2020 mit dem Oskar nominiert. Er setzt Zeichen im Kampf um mehr Toleranz und gegen die Verleugnung von Kriegsverbrechen. „Wir würden alle davon profitieren, wenn keine Kriegsverbrecher mehr unter uns leben würden. Und wir würden alle davon profitieren, wenn die Gesellschaft diese Kriegsverbrecher nicht mehr glorifizieren würde“, wird Zbanic in einem Bericht der ARD zitiert.

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Was ist am 11. Juli 1995 passiert?

Am 11. Juli 1995 verloren in Srebrenica unter dem Kommando von General Ratko Mladic 8000 Menschen mit muslimisch-bosnischen Hintergrund ihr Leben. 1700 Todesfälle konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Weiterführende Berichte liefert beispielsweise der Deutschlandfunk.

Mit dem Film „Quo Vadis, Aida?“ leistet Jasmila Žbanić Aufklärungsarbeit und liefert ein einzigartiges Zeitzeugnis eines Kriegsverbrechens, welches heute teilweise noch immer geleugnet wird.

„Quo Vadis, Aida?“ - Regisseurin Jasmila Žbanić bei der Arbeit.
Regisseurin Jasmila Žbanić (c) Deblokada, photo by Imrana Kapetanovic

Wissenswertes und Hintergründe zum Film „Quo Vadis, Aida?“

  • An der Produktion des Films „Quo Vadis, Aida?“ waren Produktionsgesellschaften aus den acht Ländern Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Rumänien, den Niederlanden und Norwegen beteiligt. Damit stellt der Film eine bis dato einzigartige Zusammenarbeit zur filmischen Aufarbeitung eines historischen Kriegsverbrechens dar.
  • Die Premiere in Bosnien-Herzegowina fand im Oktober 2020 ­­­­­­in der Srebrenica-Gedenkstätte statt. Zu Gast waren hier gut einhundert junge Menschen aus den verschiedenen beteiligen Bevölkerungsgruppen – Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina.
  • Der Titel des Films (aus dem Lateinischen übersetzt: „Wohin gehst du, Aida?“) spielt auf die „Quo Vadis“-Frage an, welche sich im Johannisevangelium der Bibel wiederfindet. (Auf die Frage von Simon Petrus, wohin er gehe, antwortet Jesus: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.“) Die Filmemacher spielen hier vermutlich auf die Märtyrer-Rolle der Protagonistin Aida an, welche um jeden Preis für das Wohl von Gemeinschaft und Familie kämpft.

Der Film „Quo Vadis, Aida?“ feiert am 5. August 2021 in den deutschen Kinos Premiere. Die Redaktion von Frauenparadies wünscht gute Unterhaltung.

- Artikel vom MjEuMDcuMjAyMQ==

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