Schreikinder sind nicht zu überhören © matt williams - freeImages.com Familie / Mein Leben

Ich war schwanger und glücklich. Ein absolutes Wunschkind, von einem frisch verheirateten Paar in den Flitterwochen empfangen. Perfekt. Fast problemlose Schwangerschaft. Wir richteten das Kinderzimmer ein und freuten uns auf das kleine Mädchen. Dann erster Tiefschlag: Kaiserschnitt. Weil dir das mehrere Ärzte empfehlen, sagst du ja. Du möchtest das Beste für dein Kind. Dann im OP der erste Schrei und du wunderst dich, wie laut er ist, aber sie ist so wunderschön, gesund und niedlich, alles andere ist egal. Nächster Tiefschlag: Auch nach mehreren Tagen fließt deine Milch nicht richtig, das Mädchen bekommt die Flasche, sie hat schon zu viel abgenommen. Und sie meckert die ganze Zeit. Du schläfst im Krankenhaus fast gar nicht, sie weint. Ist das Schreien? Ihr kommt nach Hause, Besuch ist da. Sie bewundern das schlafende Kind und du wünschst dir nichts sehnlicher, als auch schlafen zu können. Dein Mann nimmt sie und du fällst in Klamotten aufs Bett und bist augenblicklich eingeschlafen.

Die ersten Tage mit ihr

Du wachst von ihrem Schreien auf. Du legst sie an, das Schreien verstummt und kommt sofort nach dem Stillen wieder. Deine Milch läuft, mittlerweile ist genug da. Nur abends bekommt das Mädchen noch die Flasche. Du fühlst dich leer und bist es auch. Das Schreien begleitet jeden Tagespunkt. Ihr denkt, es ist normal. Babys schreien nun mal, wie sollen sie sich auch sonst ausdrücken. In Anwesenheit der Hebamme benimmt sich das Mädchen super, du sprichst das Problem kurz an, danach nie wieder. Die Hebamme hat verständnisvoll reagiert, aber du schämst dich. Du bist Sozialpädagogin und hast oft genug anderen Leuten erzählt, was sie an ihrer Erziehung und ihrer Bindung zu ihren Kindern verbessern können. Und jetzt schaffst du es nicht, dein eigenes Kind zu beruhigen? Du gehst jeden Tag stundenlang spazieren und erträgst die dummen/gemeinen/neugierigen Kommentare von völlig Fremden auf der Straße. Nein, das Kind ist nicht zu warm/kalt angezogen. Nein, sie hat keinen Hunger. Ja, bestimmt sind es die Koliken. Da glaubst du mittlerweile auch selbst dran.

Es kommt zur Krise

Nach drei Monaten soll alles vorbei sein. Ist es aber nicht. Du probierst alle Empfehlungen und Tipps aus. Deine Kinderärztin ist überrascht, bei ihr ist das Baby doch immer so lieb und ruhig. Es gibt keine körperlichen Ursachen, du hast alles kontrollieren lassen. Und sie schreit. Immer lauter, eindringlicher und anstrengender. Dein Mann beginnt eine Umschulung, er ist jetzt fast den ganzen Tag weg. Du bist alleine mit dem Schreien und dem Mädchen.

>>>Lesetipp:  Für Kinder sind Geburtstage besonders wichtig - Ideen für eine gelungene Geburtstagsparty

Eines Tages ist es wieder wie immer. Sie schreit. Du knuddelst sie. Sie schreit. Du nimmst sie in die Babytrage und läufst durch die Gegend. Sie schreit. Du stillst, wickelst, spielst, singst, redest ruhig, summst, ziehst die Spieluhr auf, ziehst Grimassen, trägst sie durch die Wohnung. Sie schreit. Plötzlich schreist du auch. Du brüllst ein völlig perplexes Baby an, du hast sie auf dem Arm und stehst plötzlich auf dem Balkon. Dir wird bewusst, was du da gerade im Begriff bist zu tun. Du legst das Mädchen in die Wiege, sie schreit, du gehst alleine auf den Balkon, machst die Tür zu und weinst. Das Mädchen hat sich in den Schlaf geschrien. Nach einer Weile gehst du wieder zu ihr, du siehst in ihr friedliches Gesicht und das warme Gefühl von Liebe durchflutet dich. Du hast nie an deiner Liebe zu ihr gezweifelt, du zweifelst nur noch an dir.

Ja, ich habe ein Schreikind

Auch heute, knapp ein Jahr danach, fällt es mir noch schwer, zu glauben was damals passiert ist. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, dieses Schreien, auf das niemand einen vorbereiten kann. Ich hatte das Gefühl, dass niemand außer meinem Mann mir glaubt. Dass niemand meine Verzweiflung verstehen kann. Und ich begann, ehrlich zu sein. Ehrlicher zu meinen Mitmenschen und auch zu mir. Unsere Kinderärztin erlebte das Mädchen in einer Schreiphase, danach hatte ich endlich das Gefühl, dass sie mir glaubt. Meine Mutter nahm sie wenige Stunden und danach war sie komplett kaputt. Auch von der Seite mehr Verständnis und Hilfe. Mein Mann nahm sie mir mehr ab, ging spazieren und ich ließ den Haushalt liegen und machte etwas für mich. Das war manchmal nur schlafen oder fernsehen, aber Gold wert. Ich ging in eine Stillgruppe, eine Krabbelgruppe und eine Art Entlastungsgruppe. Ich besuchte mehr Freunde und wenn sie dann viel schrie, war mir das immer noch ein bisschen unangenehm, aber ich stand darüber. Ich wurde ruhiger und lernte einzuschätzen, wann ich den Raum verlassen musste. Dann schrie sie, abgesichert im Laufgitter. Ich wusste, wann ich mir Hilfe holen musste. Ich begriff, dass ich keine schlechte Mutter bin. Dass ich nicht schuld daran bin, dass das Mädchen schreit. Das Mädchen wurde ruhiger, wenn andere Kinder dabei waren und mit knapp acht Monaten gab ich sie in die Krippe und ging wieder arbeiten.

>>>Lesetipp:  E-Learning für Ihr Kind: Sinnvoll oder nicht?

Erhöhtes soziales Bedürfnis – darauf kam letztendlich die Kinderärztin. Sie braucht bedeutend mehr Kontakt zu anderen Kindern, als es normalerweise in ihrem Alter der Fall ist. Das beruhigt sie und gibt ihr Sicherheit. Menschenmengen machen andere Babys nervös, meine Tochter blüht auf. Wer kommt da schon drauf.

Auch heute schreit das Mädchen mehr und intensiver als andere Kleinkinder mit 18 Monaten. Aber sie lacht auch herzhaft, läuft, spielt mit sich und mit anderen. Sie entdeckt neugierig die Welt. Wir haben gelernt, damit umzugehen. Es ist uns nicht mehr unangenehm, wenn sie eine ganze Halle zusammenbrüllt, es ist nun einmal so. Kommentare ignorieren wir oder kontern gekonnt. Wir lassen das Schreien nicht mehr in den Vordergrund. Meist merken wir morgens schon, wie der Tag wird. Macht sie ihre Spieluhr an und döst etwas, wird es ein ruhiger Tag. Schreit sie sofort nach dem Aufwachen los, wird es anstrengend. Das ist etwa dreimal die Woche der Fall. Dann unterstützen wir uns gegenseitig und sorgen für Abwechslung. Angeblich soll es mit drei Jahren besser werden. Juhuu, die Hälfte geschafft!

Warum schreibe ich darüber?

Ich denke, dass es einige Mütter und Väter gibt, die sich selbst die Schuld am Schreien ihres Kindes geben. Die es verschweigen, verstecken und sich schämen. Es sollte doch alles so schön sein! Kommt raus aus eurer Höhle, geht zum Arzt, sucht euch Hilfe, Rat und Unterstützung bei echten Menschen, nicht nur dem Internet. Sucht euch Gleichgesinnte. Wenn ihr ehrlich seid, wird es auch anderen leichter fallen. Macht keine Vergleiche, sprecht offen. Klärt alles Gesundheitliche ab. Probiert Neues aus, aber übertreibt es nicht. Ich verspreche euch, dass es besser wird.

- Artikel vom MDYuMTAuMjAxNQ==
conny

ist seit März 2014, seit der Geburt ihrer Tochter, fleißige Blogger-Mama. Auf www.baerchenmama.de berichtet sie von der mecklenburgischen Seenplatte aus von ihrem Job als Sozialpädagogin und teilt die Erfahrungen, die sie mit ihrer Tochter, ihrem Mann und der Familienkatze im Alltag macht.

Das könnte Sie auch interessieren: