Ganzheitliche Friseure behandeln nicht nur die Haare Ihrer Kunden Ⓒ eugenepartyzan / Fotolia.com Beauty / Mein Lifestyle

Jemand, der Locken hat, möchte glatte Haare, jemand mit glatten Haaren will eine Lockenpracht – mit den Mitteln, die Friseuren heutzutage zur Verfügung stehen, ist alles möglich. Doch ist das der gesunde Umgang mit seinem natürlichen Haar? Die richtigen Friseure müsste man fragen.

Friseurin Susanne Kehrbusch ist Gründerin und Vorsitzende des „Forum impulsgebender Friseure“ (F-i-F). F-i-F engagiert sich für den Ansatz einer ganzheitlich orientierten Friseurarbeit. Zusammen mit ihrer Fachkollegin Stephanie Neifer, die früh in ihrer Karriere die Vision hatte, Naturprodukte in ihr Programm aufzunehmen, stand uns Frau Kehrbusch Rede und Antwort zum ganzheitlichen Ansatz und dazu, was ihre Kunden außer einer tollen Frisur noch erwarten können.

Haut und Haar zeigen uns immer, wie es uns geht. Wir wollen helfen, ihre Sprache zu verstehen!

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Sprechen wir zu Beginn über die Entstehungsgeschichte des Vereins, er wurde 2008 gegründet. Wie kam es dazu und was genau bedeutet die Bezeichnung „impulsgebende Friseure“?

SUSANNE KEHRBUSCH: Wir wollen dazu anregen, die jeweils eigene Motivation für die gewählte Arbeitsweise, Frisur oder Haarfarbe zu bedenken. Viele Kunden fühlen sich unverstanden und wechseln ständig den Friseur. Aber auch viele Kollegen sind unzufrieden. Trotz „voller Kassen“ fehlt ihnen die Sinnhaftigkeit ihres Tuns. Unser Bestreben: eine Besinnung auf die beratende und handwerkliche Kompetenz unseres Berufstands, gepaart mit gesundheitsbewusstem Arbeiten. Frei von den Vorgaben der begleitenden Produktfirmen und Modediktaten wollen wir für die natürlichen Bedürfnisse jeder einzelnen Kundin und jedes einzelnen Kunden tätig sein. Wir wollen als profitfreie Gemeinschaft sowohl unserem Friseurkollegium als auch dem Klientel durch Informations- und Öffentlichkeitsarbeit neue Impulse geben. Wir zeigen Alternativen zum Gewohnten. Im konventionellen Informationsangebot fehlen wichtige Hinweise.

Sie legen nicht nur viel Wert auf Naturprodukte, sondern nennen sich „ganzheitliche Friseure“. Was bedeutet „ganzheitlich“ für eine Kundin im Friseursalon?

SUSANNE KEHRBUSCH: Das Wesentliche unserer ganzheitlichen Arbeit ist, die Zeit und Ruhe zu bieten, die der einzelne Kunde wünscht und braucht. Eine ganzheitliche Beratung kann eine Stunde und länger dauern. Das ermöglicht uns, auf alle Probleme und Wünsche einzugehen. Von der Kopfhaut, über die Haarqualität bis hin zur Wuchsrichtung widmen wir uns allem. Wir besprechen Sinn und Unsinn von Haarpflegeprodukten und klären über die Wirkung einzelner Inhaltsstoffe – als Störfaktoren – auf. Wir wollen das Bewusstsein zu einem gesünderen Umgang wecken. Haut und Haar zeigen uns immer, wie es uns geht. Wir wollen nicht maskieren. Wir zeigen Ursachen auf und wollen davon ausgehend eine Verbesserung ermöglichen. Wir wollen helfend dazu beitragen, die Sprache „Haut und Haar“ zu verstehen.

STEPHANIE NEIFER: Ganzheitlich bedeutet für uns: Wir sehen und behandeln nicht nur die Haare der Kunden.

Es geht uns um den kompletten Menschen mit all seinen Fähigkeiten, Gefühlen und Eigenheiten. Hier beginnt unser Ansatz. Warum wollen die Haare nicht so wie wir? Diese Fragen versuchen wir gemeinsam mit den Kunden zu ergründen. Dazu geben wir Impulse zum nachdenken.

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Wie kam es zu all dem?

In dem Friseursalon, den Susanne Kehrbusch zehn Jahre lang leitete und dort acht Mitarbeiter beschäftigte, ging es vor allem um aktuelle Trends und die Arbeit mit Models und Fotografen. Dann zwang sie eine Erkrankung, sich einzuschränken und ihre Arbeits- und Lebensweise zu überdenken. Das Resultat: ein Bestseller-Buch, eine eigene Serie handgemachter Produkte und die Leitung einer eigenen Weiterbildungsschule für ganzheitlich orientierte Friseure.

Die Überlastung und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei ihrer einstigen Arbeitsstelle führten Stephanie Neifer zu Beginn der 90er Jahre ins berufliche Aus. Nach einer schweren Zeit, dem Wiedereinstieg 1997, dem Beginn der Selbständigkeit im Jahr 2009 und einer Ausbildung zur Naturcosmetin hat sie ihre Philosophie gefunden: mit Produkten, die Mensch, Tier und Umwelt nicht belasten, zu glänzenden Haaren, schöner Haut und innerer Zufriedenheit gelangen.

Sie möchten die Einzigartigkeit einer Person zum Ausdruck bringen. Sie dazu ermutigen, sich selbst zu mögen und sich an der eigenen Schönheit zu erfreuen. Behaupten das nicht auch die Hairstylisten der Beautybranche?

SUSANNE KEHRBUSCH: Wir legen unsere volle Aufmerksamkeit auf natürliche Persönlichkeit. Hier ein Beispiel: Eine Kundin, die mit ihren Naturlocken unzufrieden ist, wird von uns nicht – wie es gängig ist – dazu angehalten, sich ein Glätteisen zu kaufen. Lieber wollen wir sie unterstützen, eine schöne, ihrem Naturell entsprechende Frisur zu finden. Wir zeigen der Kundin ihre Möglichkeiten. Dann kann der allmorgendliche Kampf gegen sich selbst aufhören. Die Kundin kann in Harmonie mit ihrem eigenen Naturhaar kommen. Wir wollen unterstreichen statt verfremden, das Haar kräftigen statt schwächen.

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Friseurin Stephanie Neifer bei der Arbeit. Ⓒ Stephanie Neifer/Forum impulsgebender Friseure

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Sie verstehen F-i-F als Gemeinschaft mit dem Ziel, sich gegenseitig zu bestärken. Das klingt, als seien Sie mit Ihrem Tätigkeitsbereich unter Friseuren noch Außenseiter.

SUSANNE KEHRBUSCH: Friseure, denen die Gesundheit der Menschen und der Umwelt am Herzen liegt und die gesundheitsbewusst arbeiten wollen, sind noch in der Minderheit. Deshalb fehlen auf dem beruflichen Entwicklungsweg oft Informationen, Weiterbildungen und Austausch. Häufig glaubt das persönliche Umfeld nicht an den wirtschaftlichen Erfolg dieser Arbeitsweise. Zu Unrecht. Wir werden zunehmend von der Kundschaft gesucht! Einige Mitglieder sind Monate im Voraus ausgebucht. Wir bestärken uns untereinander durch Austausch von Wissen und Erfahrung. Dennoch verstehen wir uns als Teil aller Friseure. Wir haben nach wie vor viele Gemeinsamkeiten und wollen der gesamten Branche Anstöße geben.

STEPHANIE NEIFER: Bestärken und miteinander wachsen, gegenseitige Hilfestellung, achtsames und respektvolles Miteinander sind unser Bestreben. Es ist wundervoll zu sehen, wie die Mitglieder mit der Zeit positive Veränderungen an sich und den anderen feststellen. Als Minderheit sind wir nicht automatisch Außenseiter, sondern einfach ein noch kleiner Teil einer Berufsgruppe.

Wer kann Mitglied beim Forum werden?

STEPHANIE NEIFER: Grundsätzlich ist jeder Friseurkollege herzlich willkommen.

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Wie positioniert sich der Verein innerhalb der Branche? Sind Sie als F-i-F bekannt?

SUSANNE KEHRBUSCH: Wir sind ein Teil dieser Branche, für die wir eine ergänzende Arbeitsweise unterstützen. Zu allen Tagungen laden wir Berufsschullehrer und Mitglieder der Handwerkskammern und Innungen ein. Mittlerweile hatten wir redaktionelle Berichte in allen deutschsprachigen Friseurfachzeitschriften.

STEPHANIE NEIFER: Viele Kunden interessiert, was sie unter „F-i-F“ oder dem Begriff „ganzheitlich“ beim Friseur verstehen können. Sie sind erstaunt, dass es solche Dienstleistungen überhaupt gibt. Den Bekanntheitsgrad erhöhen wir, indem wir an Handwerkskammern, Innungen, Berufsschulen und Politiker herantreten. Im vergangenen Jahr konnten wir im „Green Salon“ auf der Messe „Hair Beauty“ weltweite Kontakte zu Kollegen knüpfen, worauf wir stolz sind. Wir freuen uns, mittlerweile Mitglieder in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden zu haben. Außerdem tagten bereits Gäste aus Belgien bei uns, mit Kollegen aus Frankreich sind wir in Kontakt.

Sie beschäftigen sich mit allen Themen rund ums Haar, mit Menschen und deren Gesundheit. Nehmen wir mal das Thema Haarausfall. Was raten Sie Ihren Kunden?

SUSANNE KEHRBUSCH: Wir klären über die vielschichtigen ursächlichen Zusammenhänge auf. Das Ernährungs- und Trinkverhalten spielt eine Rolle. Viele konventionelle Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe erscheinen uns als Störfaktoren. Mitunter ist eine schlecht durchblutete, verspannte Kopfhaut der Auslöser. Wir zeigen durchblutungsfördernde Maßnahmen und die richtige Waschroutine, legen den Wechsel von einer konventionellen zur pflanzlichen Haarfarbe nahe.

Verraten Sie uns zur Anschauung einige Erkenntnisse zum Thema Haarausfall, denen „normale“ Friseure oder auch Ärzte zu wenig Beachtung schenken?

SUSANNE KEHRBUSCH: Generell wird den Ursachen zu wenig Beachtung geschenkt, auch den psychosomatischen. Ärzte sollten sich auf eine ursächliche Heilbehandlung, statt auf eine symptomatische Linderungsbehandlung konzentrieren. Einige wenige Ganzheitsmediziner und naturheilkundliche Ärzte tun das.

Das F-i-F ist auch sozial engagiert: Bereits zum vierten Mal fand im September der Aktionstag „Arbeitskraft spenden“ statt. Wie entsteht ein solches Engagement?

SUSANNE KEHRBUSCH: Es steht in unseren Grundlagen, dass uns die Gesundheit, die Gesundung der Menschen, die Mit- und Umwelt am Herzen liegt. Zu unserer ganzheitlichen Sichtweise gehört für uns auch soziale Kompetenz. Darum wollen wir uns auch außerhalb der geschäftlichen Tätigkeit einsetzten und branchenübergreifend eine impulsgebende Kraft sein. Das ist uns mit dem Aktionstag gelungen. Alle Mitglieder sind von der Idee begeistert. Wir stimmen über solche Dinge basisdemokratisch ab.

Welche Projekte oder Aktionen sind aktuell in der Planung?

SUSANNE KEHRBUSCH: Wir werden das Weiterbildungsangebot für ganzheitlich orientierte Friseure ausbauen. Haben wir uns bisher vorrangig darauf konzentriert das Friseurkollegium zu erreichen, werden wir unsere Öffentlichkeitsarbeit 2016 auch für die Kundschaft verstärken. Wir streben eine ergänzende Ausbildung im Friseurhandwerk an. Das pflanzliche Haarfärben soll ein Bestandteil werden. Ausbildungen, Gesellenprüfungen und Meisterprüfungen sollen wahlweise ausschließlich mit gesundheitsbewussten Produkten möglich werden. Gesundheitsbewusstsein gehört zum Zeitgeist und ist auch in der Friseurbranche modisch umsetzbar – entgegen weitläufigen Meinungen.

Vielen Dank Susanne Kehrbusch und Stephanie Neifer für das Gespräch!

- Artikel vom MjcuMDEuMjAxNg==

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