Sifu Maria Grothe Sport

Ihr Studium des Wing Chun Kung Fu absolvierte Maria Grothe in den Jahren 2001, 2002 und 2003 bei Sifu Marcel Sauder in der Schweiz. Schon im Jahr ihrer Ernennung zum Sifu (Lehrer-Meister), die 2008 durch verschiedene Meister aus Hongkong erfolgte, eröffnete sie ihre eigene Wing Chun-Akademie in Nürnberg.

Sifu Maria Grothe ist die erste Frau in der Wing Chun-Geschichte, die eine professionelle Wing Chun Kung Fu-Schule durchlaufen und Wing Chun in anderen Ländern wie Bosnien-Herzegowina, Rumänien, der Slowakei oder Ungarn eingeführt hat. Ihre Mission ist es, Wing Chun international zu verbreiten. Das Team von Frauenparadies.de konnte Sifu Maria Grothe für ein Interview gewinnen.


Warum sollte eine Frau Wing Chun lernen?

MARIA GROTHE: Meiner Meinung nach ist Wing Chun eine der wenigen Kampfkünste, mit denen eine Frau überhaupt irgendeine Chance hat, sich selbst zu verteidigen (Mehr zum Thema „Selbstverteidigung für Frauen“). Für alle anderen Kampfkünste oder Kampfsportarten fehlen dann doch die Kraft, die Körpermasse oder die Körpergröße (wobei es da aber sicher auch Ausnahmen geben mag). Wing Chun kann dies durch seine systemtypische Arbeitsweise, seine Konzepte und Prinzipien sehr gut ausgleichen.

Durch ein praxisorientiertes Wing Chun-Training wird jede Frau individuell und umfassend geschult und auf Konfliktsituationen sowohl psychischer als auch physischer Natur vorbereitet.

Denken Sie, dass der „Gründungsmythos“ – eine Frau kann sich gegen einen kampferfahrenen Gegner behaupten, indem sie seine Kraft umleitet und gegen ihn selbst nutzt – für Frauen eine Rolle spielt, sich für das Erlernen von Wing Chun zu entscheiden?

MARIA GROTHE: Ja, ich glaube, dass dies sicher eine erhebliche Rolle spielt.

Was meint es, wenn man im Zusammenhang mit Wing Chun von „weichem Stil“ oder „weicher Kampfkunst“ spricht?

MARIA GROTHE: Da gibt es oft Missverständnisse, da man sich allgemein unter „weicher Kraft“ oft nur Nachgeben oder Ausweichen vorstellen kann. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Wissenschaft für sich. Diese nutzt z.B. Gesetze der Physik wie den Energieerhaltungssatz:

E = 1/2 m · v2

E = Energie; m = Masse; v = Geschwindigkeit, die im Quadrat eingeht

Das heißt, je schneller der Fauststoß, desto höher die Energie.

Sind Sie der Ansicht, dass Wing Chun schnell erlern- und anwendbar ist beziehungsweise wie lange dauert es, bis man sich selbst effektiv verteidigen kann?

MARIA GROTHE: Die Frage lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten, das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Insbesondere für Frauen gilt: Es ist sehr wichtig, zunächst einmal die Schlaghemmung abzubauen, dann geht es je nach Trainingsaufwand relativ schnell bis erste Erfolge sichtbar werden. Die grobe Regel lautet: Etwa ein halbes Jahr bei zwei Mal die Woche Training, da Wing Chun ein in sich logisches System ist, das ohne allzu viel komplizierte Techniken auskommt und sich nur auf das Wesentliche konzentriert.

Wie oft sollte man im Optimalfall trainieren?

MARIA GROTHE: Zwei Trainingseinheiten in der Woche sind auf jeden Fall notwendig.

Leider lese ich oft von sogenannten Selbstverteidigungs-Crash-Kursen, die sich auf ein Wochenende beschränken. Diese Kurse halte ich jedoch für sehr bedenklich, da man Verteidigungs- und Angriffsreflexe nicht in wenigen Stunden erlernen kann; das Versprechen dieser Crash-Kurse vermittelt den Frauen leider ein unrealistisches Bild.

Muss man als Frau Kraft mitbringen oder erst aufbauen, um Wing Chun erfolgreich anwenden zu können, oder reicht die umgelenkte und umgekehrte Kraft des Angreifers aus?

MARIA GROTHE: Im Siu Lam Wing Chun arbeiten wir mit Prinzipien wie z.B. „Kit“ – das bedeutet umleiten, ablenken, dies ist jedoch nur eines von 7 Prinzipien.

Darüber hinaus gibt es:

  • Tai / ausheben
  • Lan / verriegeln
  • Dim/ schocken direkt schlagen
  • Got /nach unten schneiden
  • Wun /zirkeln umgehen
  • Lao /hineinfließen

Allen Prinzipien ist gemeinsam, dass sie immer zum Ziel haben, den Körper des Angreifers aus seiner Struktur zu bringen. Rohe Körperkraft ist hier also nicht notwendig.

Welches Körperteil würden Sie bei einer Frau als effektivste „Verteidigungs-“ und welches als effektivste „Angriffswaffe“ bezeichnen?

MARIA GROTHE: Prinzipiell ist der ganze Körper als Waffe und Schutzschild zu verstehen und wird auch so trainiert. Wir sind ja nicht nur auf unsere Fäuste beschränkt – Ellbogen, Knie, ja sogar die Schulter wird zum Angriff oder zur Verteidigung eingesetzt.

Was bewirkt es Ihrer Meinung nach bei einer Frau, wenn sie um ihre Beherrschung des Wing Chun weiß?

MARIA GROTHE: Sie wirkt dadurch auf jeden Fall selbstsicherer, kennt sich und ihren Körper besser. Dadurch strahlt sie eine innere Sicherheit aus, was in den meisten Fällen verhindert, überhaupt zum Opfer körperlicher Gewalt oder sexueller Übergriffe zu werden.

Kann eine in Wing Chun geschulte Frau in jedem Fall reagieren? Auch wenn der Angriff willkürlich, unkoordiniert und überraschend erfolgt?

MARIA GROTHE: Eine besondere Charakteristik von Siu Lam Wing Chun Kuen ist das Denken in Prinzipien – man könnte sie auch als Weisungen oder Orientierungshilfen bezeichnen. Diese Prinzipien sind bewusst in der reflexiven Befehlsform formuliert, so dass klar definiert ist, was zu tun ist. Ein entscheidender Vorteil ist die Allgemeinheit, Allgemeingültigkeit und Übertragbarkeit der Prinzipien. Beachtet eine Frau die Prinzipien, so verhält sie sich auch in vollkommen unbekannten Situationen korrekt bzw. macht im Normalfall zumindest keine gravierenden Fehler – dazu bedarf es allerdings des kontinuierlichen Übens.

Sifu Maria Grothe – Verhalten in einer Angriffssituation

Sifu Maria Grothe – Verhalten in einer Angriffssituation

Wie stark sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Wing Chun-Formen und was macht für Sie die Besonderheit des von Ihnen praktizierten und gelehrten Stils aus?

MARIA GROTHE: Manche Wing Chun Stile sind eher technikbasiert. Andere wiederum gründen auf Prinzipien, was bei Siu Lam Wing Chun Kuen, dem von mir erlernten und weiterentwickeltem Stil, der Fall ist.

Auch ist es im Siu Lam Wing Chun so, dass wir niemals rein defensiv denken, sondern dass der Angriff und die Abwehr eins sind; dafür nutzen wir die sogenannten „18 Brücken“ oder anders ausgedrückt die 18 Strategien – dies hier zu erörtern würde, glaube ich, den Rahmen diese Interviews sprengen.

Zusätzlich gibt es einige Unterschiede, was Körperstruktur, Angriffs-/Verteidigungswinkel und Schrittarbeit anbelangt.

Wie hat Wing Chun Ihr Leben beeinflusst oder verändert?

MARIA GROTHE: In erster Linie war es für mich ein Weg, mich selbst und mein inneres Potenzial zu entdecken und auch zu leben.

Ich kenne meinen Körper genau, kenne seine Stärken aber auch seine Grenzen. Durch meine jahrelange Lehrtätigkeit in meiner eigenen Schule und bei vielen internationalen Seminaren habe ich die Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Menschen zu arbeiten. Dadurch habe ich einen guten Blick für Menschen entwickeln können und kann sehr schnell ihre individuellen Stärken und Schwächen erspüren und somit sehr gezielt mit ihnen daran arbeiten, ihr volles Potenzial zu entwickeln.

Vielen Dank an Sifu Maria Grothe für die ausführlichen und hochinteressanten Antworten!

- Artikel vom MDcuMDQuMjAxNg==

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