Transgender © Matthias Stolt / Fotolia.com Gesellschaft

Menschen sind mehr als nur Männer und Frauen: Bereits in der Antike berichtete der Dichter Aristophanes von einem dritten Geschlecht: In „Platons Symposion“ erzählt er von Kugelmenschen, die als sogenannte „andrógynoi“ beide Anteile in sich vereinten. Doch nicht nur in der Literatur, auch in der Mode tauchen immer wieder androgyne Spielarten auf – etwa beim knabenhaften Chic der Salondamen aus den 1920er Jahren oder beim Marlene-Dietrich-Look mit Frack und Zylinder. Doch was hat Transgender tatsächlich mit dem bloßen Aussehen zu tun?

Transgender-Frauen in Medien- und Moderessorts

Mit Models wie Valentina Sampaio oder Jordan Barret gelangt der Transgender-Look auf die Laufstege der Welt. Die französische Vogue brachte in diesem Jahr eine Transfrau aufs Cover und auch bei Heidi Klums neuer GNTM-Staffel traten mit Giuliana und Melina gleich zwei Transgender-Frauen an.

Die zunehmende Präsens von Transgender-Frauen und -Männern in den Medien lässt den Lebenshintergrund der Menschen vermehrt zum Thema werden: Wer sieht aus als sei er oder sie Transgender? Wer lebt als Transgender – und wie? Eine aktuelle Titelgeschichte des National Geographic beleuchtet beispielsweise die Biographien transidenter Kinder. In Israel – dem Land, für das bereits 1998 eine Transgender-Frau (Dana International) den Sieg beim Eurovision Song Contest holte – hat beinahe zeitgleich die erste „Miss Trans“-Wahl stattgefunden. Und auch hier ging es neben der Schönheit der Kandidatinnen um ihre Lebens- und Leidenswege.

Mancher feiert dies bereits als Revolution im Bereich der traditionellen Geschlechterrollen und als erfolgreichen Abbau von Vorurteilen – doch Berichterstattung, Fotos und Interviews bringen die Diskussion um die Grenzen und Möglichkeiten des Geschlechts erst ins Rollen. Und hier sind viele Fragen offen:

Um Antworten zu finden, sollten wir uns zunächst ansehen, was „trans“ eigentlich bedeutet.

Was bedeutet Transgender?

Im Gegensatz zum sogenannten Cisgender fühlen sich Transgender in ihrer angeborenen Geschlechterrolle nicht wohl und ordnen sich einem anderen als ihrem biologischen Geschlecht zu. Transgender ist also zum Beispiel ein Mann oder Junge, der sich als Frau bzw. als Mädchen wahrnimmt.

Dabei geht es in erster Linie um die soziale Rolle, denn sowohl der Wunsch nach Geschlechtsumwandlungen als auch Sexualität sind nicht Teil der Definition: Wer sich durch Kleidung und Verhalten weiblich definiert, muss nicht zwingend auf Männer stehen. Stattdessen sind alle der auch für Cisgender bekannten sexuellen Variationen – hetero-, homo-, bi- oder pansexuell – möglich.

Transsexuelle und Transvestiten

Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, sind Transsexuelle nur eine Untergruppe der Transgender: Im Gegensatz zu Letzteren, die sich vor allem über ihre soziale Rolle definieren, ist bei Transsexuellen der Wunsch nach dem „richtigen“ Körper und Geschlecht extrem ausgeprägt. Hormonbehandlungen und geschlechtsumwandelnde Operationen sind für sie daher unumgänglich. Von Transgender-Frauen und -Männern werden diese Behandlungen dagegen oft als „Verstümmelungen“ abgelehnt.

Transvestiten sind eine weitere Untergruppe: Sie lieben das Spiel mit äußeren Merkmalen wie Kleidung und Make-up und wechseln oft sogar problemlos zwischen ihren Geschlechterrollen.

Die Reise zum eigenen Körper

Die Frage, wie man Transgendersein als Teil der Persönlichkeit bemerkt, ist für viele Transgender-Frauen und -Männer einfach zu beantworten: Sie wissen es einfach. Das Leben im biologischen Geschlecht erscheint ihnen nicht als naturgegeben. Stattdessen erkennen sie oft schon im Kindesalter ihre wahre Identität: Avery Jackson, die mit neun Jahren das Gesicht der National Geographic-Titelgeschichte zum Thema Transgender wurde, klärte ihre Mutter zum Beispiel bereits mit vier Jahren darüber auf, dass sie eigentlich ein Mädchen sei.

Andere Transgender brauchen länger, um das „Unwohlsein“ zu lokalisieren – oder fühlen sich wie die Transfrau Maura (gespielt von Jeffrey Tambor) in der Amazon-Serie „Transparent“ durch gesellschaftliche Konventionen lange dazu gezwungen, ihre tatsächliche Persönlichkeit geheim zu halten.

Die erzwungene Unterdrückung der wahren Identität – ob aus gesellschaftlichen oder familiären Gründen oder aus selbst empfundenen „moralischen“ Vorstellungen – lastet dabei schwer auf Transfrauen und -männern. Dies kann sich mitunter in Depressionen oder sogar Selbstmordgedanken äußern.

Coming-out, Hormone und Geschlechtsumwandlung

Für Transgender-Frauen und -Männer wie die Serienfigur Maura genügt es zur Befreiung ihres eigentlichen Wesens oft, sich die soziale Rolle ihres emotionalen Geschlechts durch geschlechtsspezifische Verhaltensänderung (Kleidung, Make-up, Bewegungen etc.) anzueignen. Auch der Namenswechsel wird als essentiell betrachtet: So legt Maura in der Serie bei ihrem Coming-out als Erstes ihren männlichen Namen Mort ab.

Wie bereits beschrieben ist die tatsächliche Veränderung des biologischen Geschlechts für Transgender nicht zwingend notwendig. Ist diese jedoch unumgänglich, gibt es zwei Möglichkeiten, die Transfrauen oder -männern ihren Bedürfnissen entsprechend zur Verfügung stehen. Zu Beginn dieser Maßnahmen sollte aber jeweils eine gesicherte Transsexualitäts-Diagnose stehen, da die hervorgerufenen Veränderungen teils unwiderruflich sind:

Lebenslange (!) Hormongaben sorgen für die gewünschte Virilisierung (männliche Haarverteilung, Zunahme von Muskelmasse, Stimmbruch, Ausbleiben der Regelblutung) oder Feminisierung (weibliche Fettverteilung, weiche Haut, Brustwachstum, Schrumpfen der Hoden, Erektions- und Ejakulationsverlust) und damit für die äußere Angleichung an das Wunschgeschlecht.

Die chirurgische Transformation beinhaltet die Entfernung der jeweiligen Keimdrüsen und die weitgehende Angleichung der äußeren Geschlechtsmerkmale. Mehrmonatige Hormongaben gehen dieser Behandlung voraus. Dieses Verfahren dient nicht nur als Vorbereitung auf die Veränderung des Hormonhaushaltes, sondern auch als Test, ob es sich bei dem Patienten wirklich um einen Transexuellen handelt. Wenn dieser mit den Veränderungen seines Körpers durch die Hormone glücklich ist und die OP kaum erwarten kann, ist der chirurgische Eingriff der richtige Schritt.

Kosmetische Eingriffe wie Haarentfernung (Bart), Kinn- oder Nasenoperationen unterstützen die Angleichung an das angestrebte Geschlecht. Dieser steinige Weg zum richtigen Körper wurde in „The Danish Girl“ (2015) auf der Grundlage einer wahren Geschichte eindrucksvoll dargestellt. Oscar-Gewinner Eddie Redmayne („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) spielt die Rolle der Lili Elbe, die sich in den 1930er Jahren als eine der ersten Transsexuellen einer geschlechtsumwandelnden Operation unterzog.

Wie lebt man als Transgender?

Psychisch endet mit dem Outing oft eine Zeit der inneren Belastung – nun kommt es auf die Reaktion der Umwelt an. Erste Schritte beim respektvollen Umgang mit Transgender sind in jedem Fall

  • Ansprache mit dem neuen Namen: Der Wunschname sollte uneingeschränkt genutzt werden. Es ist nicht schlimm, wenn statt „Maura“ noch einmal „Mort“ rausrutscht. Doch es sollte bewusst daran gearbeitet werden, dass die alte Gewohnheit mit dem alten Namen abgelegt wird.
  • Korrekte Anrede: Wer sich als Frau fühlt, möchte als „sie“ angesprochen werden; wer sein Coming-out als Mann hatte, ist ein „er“. Verwechslungen sind in der Anfangsphase gestattet – absolutes Tabu ist allerdings ein respektloses „es“.

Probleme mit der neuen Identität sollten ebenfalls offen angesprochen werden: Haben unsere Kinder nun zwei Mütter? Auf welche Toilette gehst du denn jetzt? Schaust du als Mann jetzt lieber Fußball statt mit mir shoppen zu gehen? Je unbefangener diese und ähnliche Fragen ausgesprochen werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Transgender und ihr Umfeld gut in die neue Situation einfinden.

Rechtliches: Das Transsexuellengesetz

Auf offen lebende Transgender-Frauen und -Männer kommen nicht nur im Privaten viele Veränderungen zu. Die rechtlichen Notwendigkeiten eines Geschlechtsrollenwechsels regelt in Deutschland seit dem Jahr 1980 das Transsexuellengesetz. Doch hier geht es vor allem um die Anerkennung der Transsexualität als „medizinisch behandlungsbedürftiger Zustand“: Dies sorgt etwa für die Kostenübernahme bei chirurgischen Eingriffen durch die Krankenkassen.

In Bezug auf juristischen und medizinischen Beistand bietet das Gesetz für Transgender und Intersexuelle weniger deutliche Unterstützung – insgesamt ist das Transsexuellengesetz nicht nur deshalb inzwischen stark umstritten. Konkretere Hilfestellung gewähren dagegen Plattformen wie die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti), die Vereinigung für Transsexuelle Menschen (VTSM), der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) oder Transfamily. Auf ihren Homepages finden sich zum Beispiel:

  • Anträge zur Namensänderung
  • Informationen für Ärzte, die erstmals mit Transidentität umgehen
  • ergänzende Dokumente zu den Ausweispapieren
  • Informationen für den Arbeitgeber (Änderung von Arbeitszeugnissen)
  • Musterbriefe für Eltern transidenter Kinder
  • Hilfen bei Diskriminierung, Erbrecht etc.

Andere Länder, andere Sitten

Während im Westen von verschiedenen Vereinigungen hart für rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz gekämpft wird, existieren in anderen Kulturen oft noch traditionelle Modelle:

In Indien lebt das sogenannte „dritte Geschlecht“ der Hijras: Der besondere Status der auffallend farbenfrohen Transfrauen wurde trotz langer Tradition erst im Jahr 2009 offiziell anerkannt: Auf Stimmzetteln kann nun neben „männlich“ und „weiblich“ die Kategorie „anderes“ angekreuzt werden.

Die Chanith (Xanit) im Oman bilden eine Geschlechterordnung nach sexueller Aktivität. Frauen im Oman dürfen vor oder außerhalb der Ehe nicht aktiv werden; Männer müssen sich jedoch auch ohne Ehefrau aktiv beweisen – und diese Lücke wird traditionell von den Chanith gefüllt.

Die Kathoey („Ladyboys“) in Thailand und Laos umfassen eine Vielzahl verschiedener Identitätsmöglichkeiten von homosexuellen Männern bis zu Transsexuellen. Obwohl sie in der toleranten buddhistischen Gesellschaft deutlich sichtbar auftreten, sind sie gesetzlich nicht anerkannt.

Die Fa’afafine auf Polynesien besitzen dagegen eine sozial anerkannte Rolle in der Gesellschaft: Sie sind das Ergebnis einer weiblich ausgerichteten Erziehung und gelten als eigenständiges Geschlecht.

Auf dem langen Weg zur Gleichberechtigung

Laut Schätzungen des dgti leben allein in Deutschland 20.000-80.000 Transfrauen und -männer. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund von überkommenen Moralvorstellungen und falscher Scham weit höher liegen. So geht es bei der Transgender-Debatte um mehr als darum, ob biologische Männer einen Rock anziehen und Schminke auftragen. Vielmehr müssen lückenhafte Gesetze und alltägliche Diskriminierungen beseitigt werden. Außerdem müssen Berührungsängste abgebaut werden: Denn abends vorm Bildschirm fremdes Leben zu beobachten, ist eben etwas anderes als mit dem ehemaligen Herrn Meyer auf der Damentoilette im Büro ein entspanntes Schwätzchen zu halten.

Wünschenswert wäre, dass sich Schönheitsideale und Geschlechteridentitäten für alle zunehmend selbstbestimmt entwickeln. So könnte Transgender die Gesellschaft in doppelter Hinsicht bereichern.

- Artikel vom MTIuMDQuMjAxNw==

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