Frauenboxen - stark, schön, provokant Sport

Pervers, zwielichtig, unsportlich… so lauten die Vorurteile gegenüber boxenden Frauen. Noch 2008 verweigerte das Internationale Olympische Komitee der Sportart die Zulassung zu den Spielen in Peking. Erst vier Jahre später wurde Frauenboxen als Disziplin bei Olympia aufgenommen. Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 endet die lange Geschichte der Diskriminierung jedoch noch lange nicht – doch inzwischen wird die einstige Rotlicht-Sportart zu Recht gesellschaftsfähig.

Vom Varieté zur Deutschen Frauenboxmeisterschaft

Seit dem 18. Jahrhundert sind Frauenboxkämpfe historisch belegt. Bei den Schaukämpfen auf englischen Jahrmärkten waren zum Beispiel ganz selbstverständlich auch Frauen vertreten. In Deutschland sah das allerdings anders aus: In den Goldenen Zwanzigern fanden in Varietés wie dem Metropol und dem Friedrichstadtpalast in Berlin zwar Damenbox-Turniere statt, aber trotz ernsthafter Ambitionen der Teilnehmerinnen ging es hier nur in zweiter Linie um den sportlichen Wettbewerb. Die Zuschauer befriedigten bei den Shows vielmehr ihr voyeuristisches Interesse und verhöhnten die Boxerinnen dazu mit anzüglichem Spott. Dennoch entdeckten viele Frauen der Weimarer Republik das Boxen für sich – darunter berühmte Künstlerinnen wie Marlene Dietrich und Vicky Baum. In den Jahren von 1933 bis 1945 war öffentliches Boxen generell verboten. Während die Sportart bei den Männern nach dem Krieg rasch wieder zu großer Popularität gelangte, nahm die Rehabilitation bei den Frauen über 50 Jahre in Anspruch: Erst im Jahr 1994 fand im Rahmen der ersten Hamburger Frauensporttage ein öffentlicher Boxkampf in seriösem Umfeld statt. Zwei Jahre später, 1996, wurde der Amateursport für Frauen endlich legalisiert, doch die 1. Deutsche Frauenboxmeisterschaft der Amateurinnen fand erst im November 2003 und damit mehr als ein halbes Jahrzehnt später statt.

Boxen ist mehr als Zuschlagen

Ein Grund für die Verzögerung: die medizinischen Bedenken der Boxverbandsfunktionäre. Die – nicht nur von Männern gepflegten – Diskriminierungen und Vorurteile gegen Frauenboxen sind dabei so zahlreich wie hanebüchen: Frauen seien wegen ihrer Menstruation psychisch nicht belastbar genug, das Brustkrebs-Risiko werde steigen, Frauen bekämen schneller Blutergüsse und könnten aufgrund fehlender Nackenmuskelmasse (hier ist der berüchtigte „Stiernacken“ gemeint) Kopftreffer nicht so gut abfedern wie Männer.

Geschmeidige Bewegungen und gesunde Grazie

Dabei sind die Gründe, warum Frauen boxen (und auch boxen dürfen sollten) oftmals ganz andere als die pure Lust an blauen Flecken. Die Berliner Box-Legende Joe Edwards (mit bürgerlichen Namen Paul Maschke) hat dies in seinem Lehrbuch „Boxen. Ein Fechten mit Naturwaffen“ schon 1911 erkannt. Darin räumt er ganz einfach mit der Notwendigkeit einer Pro-Contra-Debatte auf: Er sei davon überzeugt, dass es keine Sportart gebe, „die den Damen jugendliche Grazie, geschmeidige Bewegungen und den Kern der Gesundheit besser bewahrt als das Boxen.“ Edwards‘ Argumente waren lange Zeit vergessen: Heute mühen sich Verbände wie die World’s International Boxing Federation (WIBF) darum, statt Vorurteilen die Vorteile des Frauenboxens zu etablieren. Und nicht zuletzt ist es das Verdienst von Vorzeige-Box-Profis wie Regina Halmich oder Susi Kentikian, dass die Widerstände gegenüber den „Mannsweibern“ im Ring langsam überwunden werden können. Außerdem zeigt der Film „Million Dollar Baby“ (2004) mit der boxenden Hillary Swank in der Hauptrolle publikumswirksam, dass zum Boxen viel mehr als nur Zuschlagen gehört.

Gut für die Psyche und für den Körper

Als toughe Aufsteigerin Maggie Fitzgerald demonstriert Swank hollywoodtauglich, wie Boxen nicht nur körperlich fit macht, sondern auch die Seele stärkt. Damit machte sie das Frauenboxen auch als ganzheitliches Workout für mehr Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und ein gestärktes Selbstbewusstsein bekannt. Im Gegensatz zum Film muss der tatsächliche Ring-Kampf in der Realität längst nicht im Fokus stehen: Das Training allein sorgt für physische und psychische Power, denn es besteht aus folgenden Elementen:

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  • Aufwärmtraining (Seilspringen, Laufen) für eine ausdauernde Bein- und Hüftmuskulatur
  • Kräftigungsübungen (z.B. Liegestütze) für die gesamte Rumpfmuskulatur und Körperspannung
  • Schlagübungen (z.B. am Sandsack) für mehr Ausdauer und Kraft
  • Praktisches Training mit einer Partnerin (Sparring) für Geschicklichkeit und Reaktion

Die eigene Kraft spüren

Dennoch geht es nicht nur darum, sich beim Boxen körperlich zu stärken: Frauenboxen ist außerdem eine gute Möglichkeit, die eigene Kraft zu spüren, die Grenzen auszuloten und, auch das ist wichtig, angestaute Aggressionen sowie Stress abzubauen. Denn beim Boxen kommt es auf volle Frauen-Power an – also genau auf das, was starken Frauen sonst gern als „Zickigkeit“ ausgelegt wird. Im Ring sind Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen, Reaktionsschnelligkeit und ein starker Wille dagegen hochgradig erwünscht. Außerdem kommt der Bodyshape-Effekt nicht zu kurz: Frauenboxen ist eine ideale Möglichkeit, um Kalorien zu verbrennen und schön definierte Muskeln aufzubauen. Denn obwohl es beim Boxen auf den ersten Blick um Handtechniken geht, fordert das Training neben flinken Füßen den gesamten Körper, um die für den Ring erforderliche Geschmeidigkeit zu entwickeln.

Selbstverteidigung und Selbstvertrauen

Mentale und körperliche Stärkung ist das eine – die Möglichkeit zur Selbstverteidigung die andere Seite des Frauenboxens. Für den Ernstfall bereit zu sein, sorgt dabei oft dafür, dass aktive Selbstverteidigung gar nicht mehr nötig ist. Denn eine Frau, die sich zu verteidigen weiß, kann grundsätzlich selbstsicher auftreten, zeigt keine Angst und schreckt mögliche Angreifer so schon im Vornherein ab. Dass dies keine Illusion ist, beweisen die Frauen des Toronto Newsgirls Boxing Club im Februar 2016, als sie den sogenannten „Pick-up Artists“ um den Wortführer Roosh V den Kampf ansagten: Der amerikanische Blogger setzt sich u.a. für die Legalisierung von Vergewaltigungen im privaten Raum ein und hatte einen weltweiten Aufruf zur Frauenjagd gestartet. In 43 Ländern waren insgesamt 165 Meet-ups geplant, woraufhin die Boxerinnen aus Toronto Roosh V und seinen Aktivisten offen den Kampf erklärten. Mit Erfolg: Der „Pick-up Artist“ warf das sprichwörtliche Handtuch, ließ sämtliche Treffen canceln und behauptete, es habe sich nur um eine Satire gehandelt.

 

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Mut zur Selbstverteidigung statt Schockstarre

Die Torontoer Newsgirls zeigen es mit ihrer Aktion: Durch das Training wird neben der Möglichkeit zur Verteidigung auch der Mut zum Angriff geschult. Denn statt einem Angreifer völlig unvorbereitet gegenüberzustehen, können Boxerinnen gut geschult auf eingeübte Kampftechniken zurückgreifen. Statt überrascht zu werden, können sie blitzschnell (und vor allem für den Angreifer unerwartet) reagieren und sich selbst aus Gefahrensituationen befreien.

Mit weiblicher Stärke überzeugen

Ein regelmäßiges Boxtraining kann das eigene Auftreten sogar im Alltag verändern: Die körperlichen Übungen sorgen für eine gute Haltung und eine verbesserte Körperspannung, während das seelische Training die Persönlichkeit stärkt. So treten boxende Frauen auch im Beruf und im Privatleben mit einer positiven Ausstrahlung auf, die aus Selbstsicherheit und körperlicher Ausgeglichenheit resultiert. Dabei kennt Frauenboxen keine Altersgrenzen: Viele Vereine bieten bereits Kinderboxen an und altersmäßig sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Die Ausbildung eines „maskulinen Körperbaus“ muss dabei nicht befürchtet werden: Boxen sagt Kalorien und überflüssigen Kilos zwar den Kampf an, sorgt aber eher für einen schön geformten Körper statt für überproportionale Muskelberge.

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Ab in den Ring: Kampfbedingungen und Schutzmaßnahmen

Trainiert werden kann mehrmals die Woche über mehrere Stunden; die eigentlichen Boxkämpfe sind dagegen so anstrengend wie kurz. Die olympischen Regeln schreiben beim Frauenboxen vier Runden mit je zwei Minuten Rundenzeit und ein-minütigen Pausen vor; bei den Herren sind es im Vergleich drei Runden zu drei Minuten. Doch unabhängig davon, wie viele Runden geboxt werden: Sicherheit ist auch bei den Frauen oberstes Gebot. Kopfschutz, Zahnschutz und Brustschutz sind genauso vorgeschrieben wie ein ärmelloses Oberteil, das sich farblich deutlich vom Unterteil abheben muss. Denn auch wenn Frauen in Punkto Tiefschutz anatomisch im Vorteil sind, sind Schläge unter die Gürtellinie ebenso untersagt wie bei männlichen Boxern.

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Regeln und Gewichtsklassen beim Frauenboxen

Von Schwergewicht und Mittelgewicht bis Leichtgewicht und Fliegengewicht: Beim Frauenboxen gibt es (wie bei den Männern auch) 17 verschiedene Gewichtsklassen. Traditionell gilt beim Boxen eine strikte Geschlechtertrennung, doch inzwischen bieten Vereine wie etwa die Boxgirls Berlin e.V. auch „queeres“ Boxtraining jenseits aller Genderdefinitionen an.

Fazit: Ring frei für starke Frauen

Ob jung oder alt, Trainings-Profi oder Anfängerin: Boxen ist eine der wirksamsten Allround-Sportarten. Ausdauer und Reaktion werden dabei genauso trainiert wie der Körper – und zwar von Kopf bis Fuß. Beim Frauenboxen steigt die eigene Persönlichkeit mit in den Ring – und geht definitiv als Sieger hervor, wie etwa die Berliner Boxgirls wissen: Den Satz „Boxen macht mich…“ beantworten die Teenager nämlich ohne zu Zögern mit „schön“, „fit“, „sportlich“, „cool“, „schnell“ und „clever“. Kurz: Je eher sich Boxen als Sportart für stolze Frauen etablieren kann, desto mehr wird sich auch dieses Selbstbewusstsein durchsetzen. Und die Roosh Vs dieser Welt können dann sowieso einpacken.

- Artikel vom MTYuMDMuMjAxNg==

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