Schöner Anblick auf den Taj Mahal © Fernsuchtblog Meine Reise / Reise & Kultur

Der Entschluss allein als Frau nach Indien zu gehen, erntete bei meiner Familie und meinen Freunden natürlich nicht durchweg tosenden Beifall. Indien sei zu gefährlich, zu anders, zu schmutzig und zu weit weg, wurde mir gesagt. Kein Wunder, denn nach all den negativen Schlagzeilen über Vergewaltigungen und Überfälle auf Touristen in Indien hat das Land für viele Weltenbummler an Attraktivität verloren, vor allem bei allein reisenden Frauen. Zu groß ist die Angst davor, belästigt zu werden.
Ich möchte Indien nicht schön reden. Ich möchte niemanden mit Sprüchen wie „So schlimm ist es gar nicht“ Mut machen. Ich möchte auch nicht jeden dazu auffordern, nach Indien zu reisen. Ich möchte ehrlich sein und erzählen, wie es sich als europäische Frau in Indien lebt. Aber dazu muss ich etwas ausholen…

Auf ihrem Fernsuchtblog berichtet Isolde MaReisen regelmäßig über ihre Reiseerfahrungen und hat ihr „Abenteuer Indien“ für uns noch einmal Revue passieren lassen.

Warum gerade Indien?

Immer wieder bekam ich diese Frage zu hören, als ich mich dazu entschloss, mein Studium in Deutschland zu unterbrechen und für 6 Monate nach Indien zu gehen.

Warum denn nicht Indien?

Schon immer war „Incredible India“ ein Traum von mir. Ich wollte das Taj Mahal mit eigenen Augen sehen, scharfes Curry essen, meine Hände mit Henna bemalen und eine Sari tragen. Ich wollte auf indischen Hochzeiten tanzen, Tür an Tür mit Affen wohnen, mich mit einem klapprigen Moped durch indisches Verkehrschaos schlängeln, den Hinduismus hautnah kennen lernen und so viel von Indien sehen, wie nur möglich. Ich wollte ein Abenteuer! Also bewarb ich mich bei einem 75 Mann starken IT-Outsourcing Unternehmen, absolvierte Bewerbungsgespräche über eine knisternde, instabile Skype Verbindung und wurde genommen. 3 Monate später hob der Flieger ab und mein 180 Tage langes Abenteuer als Frau allein in Indien begann.

Affe über Jaipur © Fernsuchtblog

Affe über Jaipur © Fernsuchtblog

Abenteuer Indien: Aller Anfang ist schwer!

Die ersten Zweifel über meinen Entschluss allein als Frau nach Indien zu gehen, meine Beziehung, meine Familie und meinen geregelten Alltag weit hinter mir zu lassen, kamen mir erst auf dem kleinen Flughafen von Ahmedabad im indischen Bundesstaat Gujarat. Als ich das Flughafengebäude verließ, begrüßte mich meine neue Wahlheimat Indien mit einer 45 Grad Celsius warme Luftmauer, lauten Verkehrsgeräuschen und undefinierbaren Gerüchen. Von Anfang an waren viele Augen auf mich gerichtet. Ich bin groß gewachsen, hellhäutig, etwas schlaksig und entspreche so gar nicht dem indischen Schönheitsideal.

Natürlich klagen viele Weltenbummler und Backpacker über Indien. Es ist laut, schmutzig, verrückt und anders. Man muss stets auf sein Hab und Gut achtgeben, Schlepper und Nepper hängen einem ohne Skrupel an den Fersen und die stetige Aufmerksamkeit kann einen zur Verzweiflung bringen. Nicht ohne Grund wird „INDIA“ auch oft mit dem Wortspiel „I Never Do It Again“ gleichgesetzt, denn Indien ist sicherlich nicht für jedermann. Doch für mich gab es zu keinem Zeitpunkt Zweifel: Indien ist MEIN Land.

Mit indischen Kindern © Fernsuchtblog

Mit indischen Kindern © Fernsuchtblog

Als Frau in einer Männerdomäne

Es ist natürlich etwas anderes, ob man für wenige Wochen durch Indien reist und unter Backpacker in einem Pseudo-Indien unterwegs ist oder ob man vor Ort lebt und beruflich tätig ist. Als Frau unter Männern in einem indischen Softwareunternehmen zu arbeiten, das war in der Tat nicht immer einfach. Es dauerte lang, bis ich mir Gehör verschaffte und mir nicht mehr die bloße Hand und ein „Scht“ entgegengebracht wurde, wenn ich meine Ideen zur Unternehmensentwicklung oder Kundenakquise kundtat. Die Meinung einer Frau zu akzeptieren, das fällt dem konservativen indischen Mann noch immer schwer. Das musste auch ich zu Genüge feststellen. Doch irgendwann gewöhnten sich die Kollegen an mich und mein Chef akzeptierte meine Meinung. Ich betreute viele spannende IT-Projekte, koordinierte die Entwicklung der Unternehmenskommunikation und ging sogar auf Geschäftsreise mit meinem indischen Chef. Das Praktikum in Indien war ein voller Erfolg, ich lernte mich durchzusetzen, mich einer fremden Kultur anzupassen und Gehör zu finden.

Andere Dinge hingegen änderten sich innerhalb meiner 6 Monate in Indien nie. Zum Beispiel die stetige Aufmerksamkeit, die interessierten Blicke, das Schnalzen der Zungen, wenn ich an indischen Männergruppen vorbei ging.

In der Tat kann nahezu jede Frau, die allein in Indien unterwegs war, von unangenehmen Situation im Zusammenstoß mit männlichen Indern berichten. Und auch ich machte meine Erfahrungen. Vor allem bei Betrachtung der vergangenen Schlagzeilen über Vergewaltigungen von Touristinnen in Indien bekommen die Geschehnisse mehr Gewicht.

Wenn das Bauchgefühl Alarm schlägt…

Ich erinnere mich an einen sehr warmen Samstag in meiner Wahlheimat Baroda in Indien, den ich zusammen mit meinen Arbeitskollegen im städtischen Park mit Fußballspielen verbrachte. Der Park war voller Menschen, es wurde ein Fest gefeiert. Überall gab es Luftballons, laute Musik und Popcorn. Die indischen Kinder lächelten mich mit leuchtenden Augen an, wollten sich mit mir unterhalten und meine weiße Haut berühren. Die anfängliche zurückhaltende Schüchternheit war schnell vergessen und bald schon war ich umgeben von Menschenmassen. Alle wollten ein Bild mit mir. Doch nach und nach kamen die jungen Männer näher, pressten sich dicht an meinen Körper und während des Blitzlichtes landeten immer mehr Hände an Körperstellen, an die sie nicht hingehörten. Mir stockte das Herz, in mir läuteten alle Alarmglocken und ich schrie nach meinen Kollegen, die umgehend zu mir vordrangen und mich auf ihren Schultern aus der aufdringlichen Meute befreiten.

Zeremonie zu Ehren Shivas in Varanasi © Fernsuchtblog

Zeremonie zu Ehren Shivas in Varanasi © Fernsuchtblog

Ein anderer Tag, eine ähnliche Situation. Ich hatte beschlossen einmal Abstand zu nehmen von den lauten Hupkonzerten, der Arbeit und den zugegebenermaßen auch etwas anstrengenden Reisen. Also fuhr ich in einen idyllischen Park. Mal allein sein, das ist ein seltenes Gut in Indien, einem Land, das von mehr als einer Milliarden Menschen bewohnt wird. Ich fand ein ruhiges Plätzchen im Schatten der Bäume, setze mich auf eine Decke und begann zu lesen. Ungestört war ich jedoch lediglich 3 Minuten. Schon bald gesellte sich der erste Inder zu mir, setzte sich 5 Meter von mir entfernt ins Gras und begann ein Gespräch. Seine Fragen waren sehr penetrant, also versuchte ich es mit Ignorieren, drehte mich in eine andere Richtung und las stillschweigend weiter. Von Minute zu Minute rutschte der indische Mann näher an mich heran, wechselte die Richtung, wenn ich es tat, starrte mich unentwegt an. Auch hier war es wieder meine innere Alarmglocke, die mich zum Aufbrechen bewegte. Also packte ich meine Sachen zusammen, begab mich zum Ausgang des Parks und stieg auf mein Fahrrad. Der Mann folgte mir bis zur Tür meines Hauses, kontinuierlich starrend und fragend. Weder auf Ignoranz noch auf meine bestimmende Bitte, mich in Ruhe zu lassen, reagierte er. An diesem Tag fasste ich endgültig den Entschluss, mich niemals mehr allein in einen abgelegenen Ort in Indien zu begeben.

Touristen im Blitzlichtgewitter © Fernsuchtblog

Touristen im Blitzlichtgewitter © Fernsuchtblog

Reisen als Frau in Indien: Verhaltenstipps

Letztlich ist mir in Indien nie etwas passiert und ich möchte den Teufel nicht an die Wand malen. Doch Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste. Basierend auf meinem langen Aufenthalt in Indien möchte ich allein reisenden Frauen ein paar wertvolle Verhaltenstipps für Indien mit auf dem Weg geben, die dabei helfen, unangenehme Situationen zu vermeiden.

1. Nutze den Frauenbonus!

In Indien gibt in nahezu jedem Zug ein spezielles Abteil nur für Frauen. Selbiges gilt auch für Ticket-Schalter oder Pass- und Sicherheitskontrollen am Flughafen. Diese sogenannten „ladies compartments“ sind mit entsprechenden Symbolen gekennzeichnet. Habt keine Scheu den Frauenbonus zu nutzen, denn immerhin gibt es diese nicht ohne Grund. Außerdem lernt man dort immer wieder sehr freundliche indische Frauen kennen und kann sich ungezwungen unterhalten.

2. Flunkern erlaubt!

Eine junge Frau, die allein und ohne Ehemann unterwegs ist, erzeugt im konservativen Indien ein schlechtes und fragwürdiges Bild. Um unangenehmen Situationen, Anspielungen oder gar unmoralischen Angeboten vorzubeugen, kann man als Frau in Indien gerne auch mal Flunkern, beispielsweise indem man einen falschen Ehering trägt oder behauptet, der Ehemann sei derzeit auf Geschäftsreise in Indien. In Indien ist es nicht üblich, dass Frauen allein (und unverheiratet) reisen.

3. Überprüfe die Sicherheit deines Zimmers!

Gucklöcher und äußerst fragwürdige Schließmechanismen an Türen sind keine Seltenheit in indischen Gästehäusern und Hotels der günstigeren Preiskategorie. Daher empfehle ich allein reisenden Frauen bei Ankunft in der Unterkunft stets die Sicherheit des Zimmers zu überprüfen. Gibt es leicht zugängliche Türen oder Fenster? Gibt es Gucklöcher in Wänden oder Türen? Wenn ja, bestehe darauf ein anderes Zimmer zu bekommen. Allein schon wegen den Wertsachen.

4. Kleider machen Leute!

Das Thema Kleidung spielt in Indien eine wichtige Rolle, denn über die Art wie du dich kleidest sagst du mutmaßlich viel über dich und deine Lebenseinstellung aus. Wer sich freizügig und luftig kleidet, der läuft Gefahr aufzureizen und „unmoralische Angebote und Gedanken“ zu fördern. Vermeide daher allzu freizügige und hautenge Kleidung. Lass Tank Tops, Miniröcke und Shorts daheim. Schultern, Knie und Dekolletee sollten bedeckt sein, auch wenn es bei den hohen Temperaturen schwer fällt. Leichte Baumwollstoffe und Leinen eignen sich als Stoffe bei längerer Bekleidung. Zudem ist es ratsam immer ein großes Tuch bei sich zu tragen, welches schnell um Schultern, Kopf oder Hüften drapieren werden kann.

5. Das Bauchgefühl, dein Bodyguard!

Dein Bauchgefühl ist dein Bodyguard. Schlägt es Alarm und du bekommst ein flaues Gefühl in der Magenregion, dann höre darauf und ziehe dich aus der Situation zurück. Sollte dein Fluchtweg versperrt sein, dann mache lauthals auf dich aufmerksam und errege die Aufmerksamkeit anderer Passanten.

6. Sei nicht allein bei Dunkelheit!

Allein als weiße Frau durch die dunklen Straßen Indiens zu laufen ist grob fahrlässig. Vor allem abends solltest du nicht ohne (männliche) Begleitung unterwegs sein. Wenn du allein reist beziehungsweise sich keine Begleitung finden lässt, dann nehme dir zumindest eine Rikscha oder ein Taxi für die Rückfahrt und laufe nicht zu Fuß durch die Dunkelheit.

Wachsamkeit vs. Paranoia

Wenn euch nach meinen Erzählungen und Dank der Verhaltenstipps für allein reisende Frauen in Indien nun etwas mulmig ist, dann lasst mich euch trotzdem ermutigen nach Indien zu reisen. Die Skandale der vergangenen Jahre haben dem Land sicherlich geschadet, doch nicht jeder interessiert daher schauende Inder stellt unmittelbar eine Gefahr für Touristen dar. Wie so oft verzerren die Medien unsere Objektivität und ehe wie uns versehen stempeln wir Indien als das Land der Vergewaltiger ab. Sei wachsam, aber nicht paranoid! Passieren kann immer was, ganz gleich ob im Urlaub oder Zuhause.

Beliebtes Fotomodel bei Indern © Fernsuchtblog

Beliebtes Fotomodel bei Indern © Fernsuchtblog

Das chaotische Indien ist definitiv eine Reise wert, ob nun wegen den fantastischen Bauwerken, den einzigartigen Festen, dem scharfen Essen, den beeindruckenden religiösen Zeremonien oder den freundlichen Menschen. Kein anderes Land hat mich je wieder so im Sturm erobert und verzaubert wie „Incredible India“.

Mehr Berichte von Isolde MaReisen

Isolde MaReisen hat weitere ausführliche Berichte sowie persönliche Eindrücke über Indien auf ihrem Blog veröffentlicht:
Berichte über Indien

Außerdem war sie noch in weiteren Ländern wie zum Beispiel Südafrika, Malaysia, Thailand sowie diversen europäischen Destinationen.
Auch auf Facebook und Google+ ist der Blog immer up-to-date.

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Isolde MaReisen

Seit ihrem Auslandspraktikum in Indien ist Doreen alias Isolde MaReisen ein großer Indien-Fan. Wie man als Frau Karriere machen und trotzdem die Welt bereisen kann, erklärt sie in ihrem Fernsuchtblog. Dort gibt es außerdem tolle Reiseberichte und Tipps für Outdoor-Trips in Deutschland.

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