Moderne Beziehungsmodelle: alternative Lebensformen zur Ehe © scottwebb / pixabay.com Liebe & Sex

Verlieben, verloben, heiraten und glücklich sein bis ans Lebensende. Das klappt – im Traum, im Märchen, im Liebesfilm, in Roman und Romantasy und manchmal auch im realen Leben, allerdings zunehmend seltener. Liebe und Beziehungen heute sind weniger geradlinig, vielgestaltiger und ja, weitaus komplizierter. Schließlich ist es jetzt wichtig, nicht nur den anderen Teil seiner Seele, sondern zugleich den Partner für das „für immer und ewig“ zu finden, der dieselbe Vorstellung vom Leben und von Partnerschaft besitzt – und pflegt.

Gar nicht so einfach in Zeiten, in denen Facebook, mit „Single“, „in einer Beziehung“, „verlobt“, „verheiratet“, „es ist kompliziert“, „in einer offenen Beziehung“, „getrennt“, „geschieden“ und „verwitwet“ ganze neun Kategorien des plötzlich definitionswichtig gewordenen Beziehungsstatus kennt und dennoch in Sachen moderne Liebe und Beziehungsmodelle nicht konkret genug ist. Mit Mingle-, Fern- und LAT-Beziehung sowie Polyamorie gibt es immerhin noch mehr Liebesheil verheißende Formen der Partnerschaft. Wir wühlen uns hinein ins Beziehungsgeflecht und graben tief auf der Suche nach den Gründen für alternative Lebensformen zur Ehe und nach den Chancen auf Glück.

Gründe und Grundlagen für neue Beziehungsmodelle

Die Anforderungen der Beziehungssuchenden oder der in einer Beziehung Befindlichen also so gut wie aller Menschen an eine Partnerschaft sind im Vergleich zum guten alten „damals“ gestiegen. Das führt auch zu einer höheren Bereitschaft, eine Beziehung zu beenden, die die Anforderungen nicht erfüllt. Da sich eine Ehe jedoch weniger leicht beenden lässt, sind die gesteigerten Ansprüche einer der Gründe, warum es weniger Eheschließungen – in den vergangenen 60 Jahren hat sich die Anzahl halbiert – gibt. Weiteren Ursachen wollen wir nachgehen.

Verlust von Bedeutung und Notwendigkeit der Ehe

Heutzutage und hierzulande ist ein „bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mehr notwendig. Eine der Ursachen dafür ist, dass sich die klassische, althergebrachte Rollenverteilung von Mann und Frau gelockert hat. Inzwischen ist es sowohl bekannt als auch anerkannt, dass auch er kochen oder generell den Haushalt bewältigen sowie die Kinder und die Familie managen kann, während ihr durchaus zugetraut und zugestanden wird, Geld verdienen und Ernährerin für sich und andere sein zu können. Es bedarf also keines Ehebundes, um die vermeintlichen Schwächen des anderen auszugleichen und gemeinsam das Leben zu meistern.

Auch die religiös motivierte Bedeutung der Ehe als unerlässliches Fundament eines sittlichen Lebensverhältnisses ist geschwunden. Ohne Segen und Trauschein in „wilder Ehe“ lebende Paare sind längst keine Sonderlinge mehr, an denen die Sittenwächter aus der Nachbarschaft in gut behüteten Dörfern und Kleinstädten Anstoß nehmen. Damit einhergehend ist eine Heirat auch nicht mehr dringend angeraten, weil mögliche Kinder andernfalls in ungeordneten Verhältnissen aufwachsen und sich auf die Ächtung durch die Gesellschaft gefasst machen müssten.

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Bieten alternative Lebensformen zur Ehe heutzutage mehr Chancen auf Glück? © ANURAG1112 / pixabay

Eine Eheschließung ist heute überdies nicht mehr wegen finanzieller Vorteile nötig oder um sich gegenseitig abzusichern. Zumindest bilden selbst in anderen Beziehungsarten befindliche Paare, die mindestens ein Jahr unverheiratet zusammenleben vor dem Gesetz eine zur gegenseitigen Sorge im finanziellen Notfall verpflichtete Bedarfsgemeinschaft. Außerdem sind Partnertarife bei Versicherungen auch für unverheiratete Paare zu haben. Nur die gemeinsame steuerliche Veranlagung und die daraus resultierende Ersparnis bewegt, wie das Sichern von Erbrecht und Witwenrente, noch so manchen rationalen Liebenden (eigentlich ein klassisches Oxymoron – eine Verbindung zweier sich gegenseitig ausschließender Begriffe) zum Heiratsantrag oder zur einvernehmlichen Ehe-Entscheidung.

Paarbeziehungen im Wandel im Zuge einer sich wandelnden Gesellschaft

Was das „Ja“ zu einer auf Dauer und Unendlichkeit angelegten, erst mit dem Ende aller Dinge endenden Beziehung wie der Ehe derzeit zusätzlich erschwert, sind die Flut und die Vielfalt von Angeboten. Dank der unzähligen Social-Media-Kanäle, Dating-Portale und Flirt-Apps stehen massenhaft potenzielle Partner wie in Beziehungskandidat-Katalogen zur Wahl. Dabei haben Beziehungen Suchende nicht bloß Zugriff auf die Singles in ihrer direkten Umgebung, wie damals beim Tanztee oder in der Disco. Sie können auch ferne Vielleicht-Freundinnen und -Freunde zwecks Liebe auf den ersten Klick kontaktieren. Anders als früher und beispielsweise bei unseren meist noch verheirateten Großeltern ist es heute denk- und machbar, sich mit jemandem zu liieren, der auf einem anderen Kontinent wohnt.

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Doch: Je größer die Auswahl, desto schwerer fällt eine Entscheidung. Das sagt auch Barry Schwartz, US-amerikanischer Psychologe und Professor für Sozialtheorie und soziales Handeln, in seinem Buch „The Paradox of Choice“. Die Schwierigkeit in diesem Falle ist die Entscheidung für nur einen und gegen alle anderen möglichen Lebenspartner und nach gefälltem Entschluss und getroffener Vereinbarung die sich latent aufdrängende Frage, ob es nicht eine noch bessere Wahl gegeben hätte.

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Alltägliche Entscheidungen sind aufgrund der überwältigenden Auswahl immer schwieriger geworden. Trifft das auch auf Beziehungen zu? © MabelAmber / pixabay.com

Mit der Größe des Angebots und der Schwierigkeit der Entscheidung geht das Verlernen des Festlegens und des Durchhaltens einher. Das ist in vielen Bereichen zu beobachten. Denken wir nur an unser Verhalten, wenn uns ein via Prime, Netflix oder Apple TV ins Wohnzimmer gestreamter Film nur leidlich passabel vorkommen will. Wer würde da – wie unsere Großeltern beim einzig möglichen Film am Mittwochabend – bis zum Ende durchhalten und geduldig auf eine Besserung von Action, Humor und Spannung warten? Oder denken wir an unsere Motivation zum Zähne zusammenbeißen bei einem Job, der unsere Ansprüche an Fairness, Verdienst und Wertschätzung nicht erfüllt… oder, oder, oder. Ist da das Beenden des nicht zufrieden stellenden Alten und der Beginn von etwas womöglich besseren Neuen nicht erstrebenswerter? Auswahl gibt es schließlich genug – und damit sinkt auch die Angst davor, keinen Ersatz zu finden.

Neue Beziehungsformen – was sind Mingle- und LAT-Beziehung?

Bei etwas – in den Köpfen immer noch – Heiligem und Beständigem wie der Ehe ist Scheitern trotz des Wissens um die Statistiken (jede dritte Ehe wird geschieden) nicht vorgesehen. Niemand oder nur die Wenigsten trösten sich mit dem Gedanken, dass man sich ja immer noch scheiden lassen kann, falls es nicht klappen sollte. Wenn Ehe, dann zumindest mit der Absicht „für immer“ und in dem Glauben, den Einen oder die Eine gefunden zu haben.

Aufgrund dieses Endgültigkeitscharakters und der Schwere der Entscheidung – die oft bis in alle Ewigkeit vertagt wird – sind in diesen Zeiten des Überangebots andere Beziehungskonzepte gefragt:

  • Beziehungsmodell Mingle-Beziehung: Als Mingle, eine Mischung aus „mixed“ und Single, können sich all diejenigen bezeichnen, die in einer Art Halb-Beziehung leben. Menschen also, die jemanden haben, um von den Ereignissen des Tages zu berichten, gemeinsam zu kochen, Essen zu gehen, zu kuscheln, miteinander zu schlafen und beieinander zu übernachten, die das Ganze aber nicht als vollwertige Beziehung begreifen und demzufolge frei von Verpflichtungen und – im Fall der Fälle – auch frei von schlechtem Gewissen sind. Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeiten ja, zusammen Probleme meistern, sich den Eltern vorstellen und Zukunftspläne schmieden nein – das klassisch-unverbindliche Friends-with-Benefits-Modell.
  • Beziehungsmodell LAT-Beziehung: Hinter einer LAT-, einer Living apart together-Partnerschaft, verbirgt sich im Gegensatz zum Beziehungstrend Mingle eine vollwertige Beziehung, die nicht auf emotionale, sondern auf räumliche Distanz gegründet ist. Statt – nach einer gewissen Beziehungsdauer – die gemeinsamen vier Wände zu beziehen, leben die Partner auch nach längjährigem Zusammensein in ihrer jeweils eigenen Wohnung. Anders als bei einer Fernbeziehung, wo der Job oder die familiäre Verwurzelung temporäres Getrennt- beziehungsweise Zusammensein bedingt, basiert die alltägliche Trennung im Rahmen jener Fernbeziehung in derselben Stadt oder gar im selben Stadtviertel auf einer bewussten Entscheidung.
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Neue Beziehungsformen in Zeiten des Überangebots © Takmeomeo / pixabay.com

  • Beziehungsmodell Polyamorie: Das sich aus dem Griechischen „polýs“ (mehrere) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) zusammensetzende Kunstwort meint die gleichwertige Liebe, die eine Person für mehrere Menschen empfindet und aus der bei allseitigem Einverständnis bisweilen eine langfristige Liebesbeziehung zu dritt beziehungsweise zu zweit plus X wird. Weder Affäre noch offene Beziehung sind also treffend für diese Art der nicht-monogamen Beziehung.

Moderne Beziehungsmodelle – Wege zum Glück?

Das Tendieren zu unverbindlichen und / oder unkonventionellen Beziehungsmodellen fernab der einstmals einzig gültigen und erstrebenswerten Ehe scheint so ausgeprägt wie nie zuvor. Verständlich, ist doch der gelebte! Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung (auch, weil es mehr Möglichkeiten gibt) größer denn je. Dass uns nur ein einziges Leben, eine kurze Lebenszeit bleibt, in der es das Maximale, Bestmögliche zu erreichen gilt, wussten auch die Generationen vor uns. Heute jedoch ist die Zeit auch angesichts der geschilderten gesellschaftlichen Veränderungen reif genug, dass diesem Wissen entsprechend gehandelt werden kann.

Gemeinsames Warten auf Besseres und getrenntes Genießen des gemeinsamen Glücks

Im Mingeln finden besonders junge Menschen ihr Glück oder zumindest einen adäquaten Zustand der Zufriedenheit, die nicht allein sein möchten, aber gleichzeitig für den richtigen Partner, mit dem mehr bis alles vorstellbar ist, frei bleiben wollen (immerhin heiraten Paare heutzutage vorzugsweise in ihren 30ern). Allerdings handelt es sich hierbei um eine Form der Partnerschaft, die bei Verliebtheit und dem Wunsch nach einer geteilten Zukunft nicht funktionieren kann. LAT-Beziehungen dagegen sind durchaus auf Dauer und – auch wenn die getrennten Wohnsitze dagegen zu sprechen scheinen – ein gemeinsames Leben angelegt, das freilich auch Glück mit sich bringen kann. Die Gründe für das Leben in dieser Wohn- und Beziehungsform, die sich vor allem in Großstädten wachsender Beliebtheit erfreut, wo schöner, bezahlbarer Wohnraum rar ist, sind, dass die Partner ihr eigenes Reich und ihr eigenes Leben abseits der Liebe nicht aufgeben oder viel Zeit und Energie in die Karriere investieren wollen. Funktioniert das getrennte Zusammensein nicht, hat jeder noch sein eigenes Heim und muss den Haushalt nicht erst mühsam auseinanderdividieren. Besonders unter den Menschen, die bereits eine gescheiterte Ehe oder wie auch immer geartete, Zusammenwohnen inkludierende Beziehung hinter sich haben, ist das LAT-Modell beliebt.

Das Herz in der Gefahrenzone – Darauf sollten Mingles, LAT-Paare und alle anderen achten

Eine Bedingung, die für Beziehungsglück entscheidend ist, haben indes alle Beziehungsmodelle gemein: Beide beziehungsweise – im Falle der Polyamorie – alle Partner sollten mit der Art der Beziehung einverstanden sein. Auch wenn kein Pfarrer, Priester oder Standesbeamter ein gut überdachtes „Ja“ dazu abfragt. Nichts garantiert mehr Herzeleid als das einseitige Hoffen auf plötzliche Erkenntnis und Meinungsänderung beim anderen. Bei all den verschiedenen neuen Lebensformen in Sachen Liebesbeziehungen liegt heute zunehmend auch die Herausforderung darin, jemanden zu finden, der die eigenen Vorstellungen teilt. Unter all den sich bietenden Möglichkeiten könnten der Traummann oder die Traumfrau schließlich ganz andere Partnerschaftsformen favorisieren. Dadurch wird die schier unendliche Auswahl an denkbaren Partnern, sofern kein Kummer riskiert werden will, doch wieder etwas eingeschränkt.

Was wir von dem Ganzen halten? Wir halten es mit Woody Allen und sagen: Whatever works!

 

In diesem Zusammenhang empfehlen wir Ihnen zur weiteren Info gern auch unsere Beiträge „Beziehung ohne Sex – Was sind die Ursachen und wie lange geht das gut?“ und „Kann aus einer Sexbeziehung Liebe werden?“.

- Artikel vom MDUuMDcuMjAxOQ==

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